Donnerstag, 18. Februar 2016

Der Kasperl gewinnt



"Das Land braucht einen Baumeister." Der Blick irrlichterte und das Gesicht war puterrot ob der Anstrengung, war es doch mehr ein Schreien als ein Reden, in dem Richard Lugner da der staunenden Youtube-Gemeinde sein Interesse an der Kandidatur zur Bundespräsidenten-Wahl ankündigte. Ein paar Tage später dann die offizielle Kandidatur. "Ich übernehme die Rolle des Kasperls mit der schönen Prinzessin an der Seite", tat er kund, dass er "keinesfalls Rot-Schwarz installieren" würde und dass er "jedes Klo" kenne in Österreich. "Daher kennen mich die Leute."

Die Mikrofone, die da vor ihm aufgebaut waren, waren kaum zu zählen. Selbst die seriösen Medien des Landes wollten auf die Präsentation des künftigen "First Couples" nicht verzichten und die Boulevardmedien inklusive Funk und Fernsehen schon gar nicht. Man konnte sich schier nicht einkriegen.

Dass es dabei um das höchste Amt im Staat ging, spielte keine Rolle. Für Lugner und seine Cathy sowieso nicht. Und auch nicht für die Boulevardmedien, die ihm freizügig jede Bühne für sein Schrulligkeiten geben. Dass die nichts anderes sind als Marketing, nehmen sie gerne hin, weil man längst gelernt hat, dass Lugner auch der Vermarktung der eigenen Bild-und Textprodukte gut tut. Da wie dort geht es ums Geschäft. Und das mancherorts sehr schräge Selbstverständnis von Medien ist längst "part of the game".

Und dennoch hat die Lugnersche Kandidatur diesmal eine ganz neue Qualität. Noch nie wurde so dreist mit einer demokratischen Einrichtung, die noch dazu das höchste Amt im Staat ist, umgegangen. Noch nie wurde eine demokratische Wahl so unverfroren vor den kommerziellen Karren gespannt. Da werden ohne Not und um der Quote und guter Vermarktungszahlen willen Grenzen überschritten, die bisher respektiert wurden. Überschritten nicht nur von Lugner. Gipfel ist wohl, dass ein privater Fernsehsender die Kandidatur zum Amt des Bundespräsidenten und den damit einhergehende Wahlkampf zum Gegenstand einer Soap machen will, um damit im Unterhaltungsprogramm des Senders die Quoten zu steigern.

Was beim Opernball nur anstrengend und nervig ist, ist in der Politik schlicht ungehörig. Es untergräbt das ohnehin schwer angegriffene Ansehen des Staates und seiner Einrichtungen und der Politik ohne Not und gibt sie der Lächerlichkeit preis. Wenn es schon nicht gelingt, Lugner vor sich selbst zu schützen, so sollte es doch Aufgabe sein, die staatlichen Einrichtungen und die Politik zu schützen.

Das freilich ist in einem Land wie Österreich, man weiß es, schwierig. Und wer behauptet, Lugner sei nichts, als die österreichische Politik in Vollendung, dem ist durchaus Verständnis entgegen zu bringen. Lugner, und wie er sich präsentiert, ist wohl nur der vorläufige Höhepunkt des im ganzen Land seit vielen Jahren grassierenden Populismus in der Politik, in der immer mehr die Schlagzeile zählt und immer weniger die Lösung.

Mit Schuld daran hat die Boulevardisierung des Lebens, das immer größere Tempo der Medien, die immer unersättlichere Gier nach News, mit denen sich Schlagzeilen und Geld machen lassen. Und das immer öfter bar jeder Verantwortung. Jede Woche muss eine neue Sau durch das Dorf gejagt werden.

Das gilt erst recht für die Politik. Auch dort geht es darum, Themen zu setzen. Nicht so sehr jene Themen, die dringend einer Lösung oder eines Konzeptes bedürfen, sondern solche, mit denen Schlagzeilen gemacht werden können und Meter in der Gunst des Publikums.

Es sind aber nicht alleine die Medien und die Politik dafür verantwortlich zu machen. Es ist wohl zu allervorderst das Publikum, also wir selbst, für die das alles inszeniert wird, die dafür die Verantwortung tragen. Dankbar drängt man sich zu Leuten wie Lugner hin, freudig ist der Applaus zu Ankündigungen, und seien sie noch so windig, und dankbar wird selbst zu Inszenierungen und Sagern gejohlt, die als nichts, denn als blitzdumm zu bezeichnen sind.

Es wäre schön einmal zu sehen, wenn all das nicht passiert bei dem, was wir an öffentlicher Diskussion und öffentlichem Leben in Österreich vorgespielt bekommen. Wenn nicht jeder Schnaufer eines alten Baumeisters übertragen und kommentiert würde, wenn die Mikrofone und Kameras gesenkt würden, wenn einer wie er auftritt. Wenn die TV- und Radiogeräte dunkel und stumm blieben und die Zeitungen unverkauft.

Und wenn man dann einem wie Lugner nicht recht geben müsste, wenn er sagt "Der Kasperl gewinnt immer".

Meine Meinung - Raifffeisenzeitung, 18. Februar 2016

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