Mittwoch, 29. Dezember 2010

Opfer eigener Tüchtigkeit





Die Landwirtschaft zählt zu den Branchen mit den höchsten Produktivitätszuwächsen. Angesichts günstiger Lebensmittel freut das die Konsumenten, die Bauern freilich haben nichts davon. Sie sind Opfer ihrer eigenen Tüchtigkeit. Immer höhere Produktionsleistungen und immer niedrigere Preise halten sie in einer Abwärtsspirale fest.
Ihr zu entrinnen ist schwierig. Produktionsbeschränkungen, wie sie bei Milch gefordert werden, sind wenig realistisch. Die Erzeugung von Bioenergie und Industrierohstoffen aus Getreide oder Holz reicht gerade aus, die Preise nicht noch weiter abrutschen zu lassen. Und die Nischen, in denen sich die Bauern mit besonderer Qualität, mit Betonung von Regionalität und besonders umweltfreundlicher Produktion auf den Märkten abheben wollen, bleiben eben nur Nischen für wenige. Selbst bei Bioprodukten herrscht Preisdruck.

Den Schlüssel dafür, die Bauern aus dem Teufelskreis herauszubringen und den zuweilen mit Krokodilstränen beweinten Strukturwandel zu stoppen, haben andere in der Hand – Handel und Konsumenten. Die aber wollen meist nicht Preise zahlen, die die Bauern bräuchten – was sie aber nicht hindert, sich über Turbokühe zu mokieren.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 29. 12. 2010

Bauern gefangen in der Abwärtsspirale




Die Leistungssteigerungen sind enorm. Die Bauern rationalisieren sich damit selbst weg.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Die Zahl der Milchbauern hat sich in Österreich in den vergangenen 20 Jahren von rund 90.000 auf gut 38.000 verringert, die Zahl der Schweinehalter ging gleich um 100.000
auf ebenfalls 38.000 zurück und die Zahl der Bauern insgesamt schrumpfte von 270.000 auf weniger als 150.000. Und dennoch fehlt es an nichts. Österreichs Bauern produzieren mehr als je zuvor.
Dahinter stehen trotz der in Österreich vergleichsweise moderaten Produktionsweisen enorme Leistungssteigerungen auf den Feldern und in den Ställen. Weil die aber von den niedrigen Preisen und höheren Kosten kompensiert werden, haben die Bauern kaum etwas davon. Damit aber geraten die Bauern immer tiefer in eine Abwärtsspirale. Angesichts des Drucks auf den Märkten und zumeist fehlender attraktiver Alternativen bleibt den Bauern gar nichts anderes übrig, als möglichst kostengünstig zu produzieren und jeden sich bietenden Fortschritt zu nutzen. Damit aber wird der Fortschritt für sie selbst zur Bedrohung. Denn die Bauern rationalisieren sich regelrecht selbst weg. Für viele wird die Luft
trotz der Leistungssteigerungen zu dünn und sie müssen aufgeben.

„Vor zwanzig Jahren lag ein guter Stallschnitt bei 5000 Litern Milch pro Kuh und Jahr“, sagt Lukas Kalcher von der Arbeitsgemeinschaft der Rinderzüchter. „Heute gelten 7500 bis 8000 Liter und noch mehr als gut.“ Das bestätigen auch die Zahlen aus dem Grünen Bericht des Landwirtschaftsministeriums. Für das Jahr 1990 wird dort für eine durchschnittliche Kuh aus einem heimischen Stall eine Jahreslieferleistung von 3791 Kilogramm genannt. 2009 war diese Zahl um 60 Prozent höher: 6068 Liter lieferte da eine Kuh im Durchschnitt.

Nicht ganz so groß, aber immer noch beträchtlich ist der Fortschritt in der Fleischerzeugung. Vor 30 Jahren wurde Landwirtschaftsschülern wie Hans Schlederer, heute Geschäftsführer der österreichischen Schweinebörse, das 200-Tage-Mastschwein als das große Ziel hingestellt. „Heute ist ein Mastschwein nach 180 Lebenstagen schlachtreif.“ Eine Zuchtsau bringt heute im Schnitt 22 Ferkel pro Jahr auf die Welt, vor 20 Jahren waren es noch 15.

Auch im Getreidebau lagen die Zuwachsraten in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei den traditionellen Früchten wie Weizen, Gerste oder Roggen zwischen 15 und 30 Prozent. Dort bestimmt aber zunehmend das wirtschaftliche Interesse an Früchten den Zuchtfortschritt. „Wo Geld investiert wird, gibt es die größten Sprünge“, sagt Karl Fischer, Chef der Saatbau Linz. Derzeit sind das Raps, Mais und Soja.

Die Leistungssteigerungen haben viele Ursachen. „Bei den Schweinen sind in erster Linie die verbesserte Tiergenetik und die Fortschritte in der Fütterung dafür verantwortlich“, sagt Schlederer. Eine wichtige Rolle spielen in allen Bereichen die verfeinerte und wesentlich präzisere Produktionstechnik, verbesserte Hygiene und die Ausbildung der Landwirte. In allen Sparten rückten auch Zuchtziele wie Tier- und Pflanzengesundheit und Schädlingsresistenz in den Vordergrund. Und auch die Qualität. „Die hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert“, betont Schlederer.

Zu Ende ist die Entwicklung noch lang nicht. Wohin die Reise geht, zeigt die beste Kuh Österreichs. „Beauty“ heißt sie, steht auf einem Hof in Ardagger (NÖ) und lieferte 2010 knapp 19.000 Kilogramm Milch. An guten Tagen kommen da schon einmal 80 Liter Milch aus dem Euter.

Salzburger Nachrichten Wirtschaft 29.12. 2010

Montag, 20. Dezember 2010

„Existenz der bäuerlichen Kultur auf dem Spiel“





Landwirtschaft gilt als Zukunftsbranche, dennoch wissen die Bauern nicht, wie weiter. Drei Bücher zeigen Hintergründe.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Den Bauern geht es kaum wo auf der Welt gut. Und das, obwohl viel Geld in die Landwirtschaft gesteckt wird und obwohl die Produktion von Getreide, Milch und Fleisch als eine der attraktivsten Zukunftsbranchen gilt.

Rund um den Globus leiden Bauern unter zu niedrigen Preisen, unter Billigimporten und hohem Marktdruck. Angehalten zu billiger Produktion, bei der oft ökologische und gesellschaftspolitische Folgen keine Rolle spielen, machen sie sich auf den internationalen Märkten gegen ihren Willen gegenseitig das Leben schwer. Längst ist Bauernsterben ein Begriff, den man überall kennt. Binnen weniger Jahrzehnte sind in Jahrhunderten gewachsene Strukturen unter extremen Druck geraten und vielerorts zerborsten.

Warum das so ist, versteht längst niemand mehr. Die Bauern tun sich schwer, in diesem Umfeld, mit seinen ständig neuen Ansprüchen und Anforderungen, mit seinen politischen Volten und in rascher Folge wechselnden Vorgaben, zurechtzukommen. „Es geht der Landwirtschaft nicht mal besser, mal schlechter, wie es das immer tat“, schreibt der Allgäuer Milchbauer Romuald Schaber in seinem Buch „Blutmilch“. „Heute steht die Existenz der bäuerlichen Kultur ganz und gar auf dem Spiel.“

Schaber ist Gründer und Präsident des European Milkboard (EMB), jener rund 100.000 Milchbauern aus ganz Europa, die Brüssel immer wieder mit ihren Demos in Atem halten und auf ihre Lage aufmerksam machen. Er ist ein Bauer, wie er im Buche steht. Mit 40 Kühen zählt er nicht gerade zu den Kleinlandwirten. Klar, uneitel und unprätentiös legt er aus der Sicht eines Milchbauern die Dinge dar und damit Zusammenhänge offen, die für Außenstehende nur mehr selten erkennbar sind – die Verbundenheit mit Tradition und Natur, die Probleme mit der politischen Bauernvertretung und mit Konzernen.

Schabers Buch ist nicht das einzige, das dieser Tage erschienen ist und Orientierung zum schlagzeilenträchtigen und zuweilen heiß diskutierten Thema Landwirtschaft bietet. Der steirische Bauer Toni Hubmann („Toni’s Freilandeier“) zeichnet nach, wie er es schaffte, mit gutem Marketing und besonderem Augenmerk auf Tierschutz zumindest für einige Hundert kleine Bauern eine Produktionsnische zu erschließen. Was er dabei mit Konkurrenz, Handel, Politik und Verwaltung in Österreichs agrarischem Mikrokosmos erlebte, erklärt manche Entwicklungen. Mittlerweile ist der Agrarexperte als Berater für die SPÖ tätig. Hubmann fordert: „Wer die Bauern stärken will, der muss die Vielfalt stärken.“

Genau dazu können auch die Konsumenten wesentlich beitragen, befindet der Wiener Wirtschaftsjournalist Paul Trummer. Anhand der Zutaten für eine Salami-Pizza bietet er Einblicke in die Zusammenhänge der internationalen Landwirtschaft. Er besuchte Fabriken und Bauern, sprach mit Politikern und Wirtschaftskapitänen in aller Welt. Sein Fazit: „Überraschend viele Probleme sind nicht von Wetter und Boden abhängig, sondern von der Politik.“ Und: „Bei der Produktion dominiert heute oft das Streben nach geringsten Kosten, denn wir Konsumenten wollen vor allem eines: billig einkaufen. Dass wir damit eine Spirale in Gang setzen, die oftmals auf Kosten von Mensch und Natur weltweit geht, ist uns kaum bewusst.“

Romuald Schaber: „Blutmilch – Wie die Bauern ums Überleben kämpfen“, Pattloch, München Toni Hubmann: „Wie wir uns über gute Lebensmittel freuen können, Bauernhöfe keine Fabriken werden und was sich dafür ändern muss“, Echomedia, Wien Paul Trummer: „Pizza globale – Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft“, Econ, Berlin

Samstag, 18. Dezember 2010

Bauern stecken trotz Plus weiter in der Krise





HANS GMEINER Salzburg (SN). Nach zwei Jahren mit kräftigen Einkommensrückgängen, die im Vorjahr sogar an die 30-Prozent-Marke heranreichten, können die Bauern heuer zwar wieder nicht auf-, zumindest aber durchatmen. Nach einer Schätzung der Statistik Austria legten heuer die Einkommen um 12,4 Prozent zu.

Verantwortlich dafür waren vor allem die höheren Preise bei Ackerfrüchten und Milch. In diesen Sparten hatten die Bauern in den vergangenen Jahren am stärksten unter dem Preisverfall zu leiden. Entsprechend stark wirkte sich heuer die Trendumkehr an der Preisfront aus. Je nach Getreideart gab es ein Plus von bis zu 70 Prozent. Der Milchpreis legte um mehr als zehn Prozent zu.

Die Ackerbauern konnten die höheren Preise heuer freilich nicht voll nutzen. Eine schlechte Getreideernte bei den wichtigsten Früchten bremste die Hoffnungen auf eine raschere Erholung der Einkommen. Insgesamt lag die Getreide- und Maisernte mit 4,5 Mill. Tonnen um 6,5 Prozent unter dem Niveau des vorangegangenen Jahres. Dieser Rückgang konnte durch höhere Raps- und Sojaernten (plus 7,2 Prozent) nicht ausgeglichen werden.

Nur träumen von Zuwächsen konnten im Vorjahr die Fleischerzeuger. Dort blieb das Preisniveau gedrückt. Die Schwei-ne- und Rindermäster zählen daher heuer nicht zu den Gewinnern.

Der für heuer erwartete Anstieg der Einkommen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Landwirtschaft nach wie vor die Krise der vergangenen drei Jahre nicht überwunden hat. Das Einkommen 2009 ist das viertschlechteste der vergangenen zehn Jahre und real nicht höher, als es bereits 2001 war. Der Wermutstropfen für die österreichischen Bauern: In vielen anderen EU-Staaten sind die Einkommen dem Vernehmen nach heuer wesentlich stärker gestiegen.

Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich (ÖVP) zeigt sich angesichts der Vorausschätzung von Statistik Austria erleichtert und reklamiert einen Teil der Einkommenswende für die Politik. „Durch Maßnahmen wie Intervention, Lagerhaltung und Exporterstattung hat sich der Markt stabilisiert.“


Salzburger Nachrichten Wirtschaft 18.12.2010

Samstag, 11. Dezember 2010

„Ich kann auch kratzbürstig sein“





Erna Feldhofer steht an der Spitze von rund 4000 „Milchrebellen“ – in einer Männerwelt.

HANS GMEINERSalzburg(SN).Die steirische Bergbäuerin Erna Feldhofer aus Birkfeld folgt dem mitunter lauten Mühlviertler Ewald Grünzweil als Chefin der IG-Milch nach. Feldhofer steht damit nun an der Spitze von rund 4000 „Milchrebellen“, die in den vergangenen Jahren mit Demonstrationen und Lieferstreiks auf die Lage der Milchbauern aufmerksam machten und mit „A faire Milch“ und der „Freien Milch Austria“ auch Alternativen aufzuzeigen versuchen. „Ich bin von Anfang an dabei“, sagt sie. „Schließlich will ich mir von den drei Kindern später nicht vorhalten lassen, nichts gegen den Niedergang der Landwirtschaft getan zu haben.“
Die 40-jährige Feldhofer, die mit ihrem Mann einen 40-Kuh-Betrieb mit 300.000 Kilogramm Jahreslieferrecht bewirtschaftet, ist in Österreichs Agrar-Mikrokosmos die einzige Frau in einer derartigen Spitzenposition. In Europa ist sie eine von zweien. „Da habe ich in Holland eine Kollegin.“
In die raue Männerwelt der IG-Milch, die sich bisher im Kampf um bessere Milchpreise für die Bauern gegenüber Molkereien, Handel und Politik zuweilen unerbittlich zeigte, bringt sie neue Töne. „Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch“, sagt sie. „Ein Mann tritt radikaler auf, eine Frau macht das mit anderen Worten.“ Nachsatz: „Ich kann aber auch kratzbürstig sein.“
Feldhofer will die IG-Milch im Sinne ihrer Ziele weiterführen. Man drängt auf eine Regulierung der Märkte und stemmt sich gegen eine Aufhebung der Lieferquoten.
Ein Milchlieferstreik ist für sie derzeit kein Thema. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir jetzt einen brauchen.“ Stattdessen will sie die Information der Mitglieder ausbauen und der Politik verstärkt auf die Finger schauen.
Dorthin freilich muss sie erst den richtigen Draht finden. Nach einigen heftigen Scharmützeln ist das Verhältnis zu den Spitzen von Bauernkammer und Bauernbund gestört. „Aber ich will wieder mit ihnen ins Gespräch kommen.“
In den Vordergrund rücken möchte sie auch die Projekte „A faire Milch“ und „Freie Milch Austria“, bei deren Gründung die IG-Milch Pate stand. Seit die „Faire Milch“, die nach wie vor zum Preis von 1,19 Euro je Liter angeboten wird, bei Spar nicht mehr zum Stammsortiment gehört, schwächelt sie.
Mit der „Freien Milch Austria“ hingegen, die ihre Milch auf dem freien Markt verkauft, ist sie zufrieden. „320 Bauern liefern jährlich 44 Mill. Kilogramm.“ Dass ausgerechnet die „Freie Milch“ um den Bauernmilchpreis ein Geheimnis macht, verteidigt sie. „Egal, ob der Preis über oder unter den Preisen der Molkereien liegt, man würde uns auf jeden Fall zerreißen.“
Nur so viel sagt sie: „Der Preis liegt im Vergleich zu den Molkereien im vorderen Drittel.“


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft / 11.12.2010

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Zündstoff für die Stammtische





Agrarkommissar Ciolos stellt die Bauern mit seinen Reformvorschlägen zur Agrarpolitik vor heikle Probleme. Im Mittelpunkt: Die Angleichung der Prämien.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Erleichtert zeigten sich die heimischen Agrarier nach der ersten Analyse der Vorschläge zur EU-Agrarreform. Zündstoff gibt es dennoch genug. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beseitigung von Unterschieden bei den Prämienansprüchen der Bauern, die künftige Ausgestaltung der Agrar-Umweltprogramme und die Festlegung der benachteiligten Gebiete, für die es Sonderförderungen gibt – ganz abgesehen davon, dass aus derzeitiger Sicht völlig offen ist, wie viel Geld es in Zukunft für die EU-Agrarpolitik und einzelne Maßnahmen gibt.

Bei den Betriebsprämien stehen gleich von zwei Seiten Veränderungen ins Haus. Zum einen will der Agrarkommissar die Prämien EU-weit angleichen. Dabei haben Österreichs Bauern relativ gute Karten, weil ihre Hektarprämien im Gesamtschnitt innerhalb der EU nur im Mittelfeld liegen. Zum anderen steht aber auch in Österreich selbst eine Angleichung an. Und die ist heikel. Die Verteilung der sogenannten einheitlichen Betriebsprämie, die von Brüssel bezahlt wird, erfolgt in Österreich nach dem historischen Modell und orientiert sich noch an den Produktionsverhältnissen zu Beginn des Jahrzehnts. Daraus entwickelten sich Ungleichheiten. Der Bogen reicht von durchschnittlich 137 Euro pro Hektar im Bezirk St. Johann im Pongau bis zu 325 Euro pro Hektar in Ackerbaugebieten oder gar 366 im Bezirk Schwaz in Tirol mit seiner intensiven Milchproduktion.

De facto freilich sind die Unterschiede nicht so gravierend. Durch die Gelder, die die heimischen Bauern aus der freiwilligen Teilnahme an Umweltprogrammen lukrieren, und durch die Bergbauernförderung werden die Förderungen für die einzelnen Bauern stark angeglichen, bleibt es bei Hektar als Maßstab. Beispiele im Grünen Bericht zeigen, dass die öffentlichen Mittel, die Bauern pro Hektar insgesamt bekommen, in allen Betriebszweigen, Betriebsgrößen und Produktionsgebieten in der Größenordnung zwischen 500 und 700 Euro pro Hektar liegen. Einzig die Biobauern liegen deutlich darüber.

Dennoch sind die politischen Grabenkämpfe längst in Gang. Die ÖVP-Bauernvertreter lehnen eine einheitliche Prämie für ganz Österreich ab und wollen allenfalls eine Annäherung. Die SPÖ etwa pocht massiv auf Umverteilung und will die Zahl der Arbeitskräfte auf einem Hof als Kriterium für die Prämien einfügen.

Bei der Neugestaltung wird es Sieger und Verlierer geben. Die Tendenz ist absehbar: Das Geld wird eher in Richtung Grünlandgebiete fließen. Einbußen haben vor allem Ackerbauern zu erwarten, oder Landwirte, die vom historischen Modell besonders profitierten, wie etwa Stiermäster.

Vor diesem Hintergrund kommt der künftigen Gestaltung der rein österreichischen Umweltprogramme ein besonderer Stellenwert zu. Was Ciolos vorstellte, macht die heimischen Bauern skeptisch. Maßnahmen wie die Einhaltung bestimmter Fruchtfolgen oder Begrünung der Äcker im Winter, mit denen die Bauern bisher ihr Einkommen auffetten konnten, sollen künftig Bestandteil der Brüsseler Betriebsprämie werden. Wie und mit welchen Maßnahmen trotzdem auch in Zukunft die Umweltgelder für Österreichs Bauern gesichert werden können, ist noch völlig unklar.

Unklar ist auch, was in Zukunft als Bergbauerngebiet oder benachteiligtes Gebiet gilt. Käme das, was sich der Agrarkommissar wünscht, müssten vor allem viele Bauern in Übergangszonen um ihre Zusatzförderungen fürchten. Die heimischen Agrarier beruhigen aber einstweilen: „Das ist noch nicht gegessen.“


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 01.12.2010

Freitag, 26. November 2010

„Die spinnen ja“





Auf der Agraria in Wels machten heuer die Landtechnikhersteller einen auf ganz groß, so als wäre Wels Hannover und Agritechnica. Riesige Traktoren mit 250 und noch mehr PS im grellen Scheinwerferlicht, Saatbeetkombinationen, fünf, sechs Meter breit, Riesenpflüge und Feldspritzen kaum unter 15 Meter. Von den Mähdreschern gar nicht zu reden. Dazwischen Verkäufer im feinen Tuch, mitunter breit grinsend und anbiedernd feixend. Fast wie in einem schlechten Film.

Nicht wenige Bauern schüttelten den Kopf, viele hielten mit der Verärgerung nicht hinter dem Berg. „Die spinnen ja“. Da könne man ja gleich daheim bleiben. „Für uns gibt es da nichts“.

Kaum sonst wo wie auf solchen Messen wird dem durchschnittlichen österreichischen Bauern so drastisch vor Augen geführt, dass er ein Auslaufmodell zu sein scheint. Mit seinen durchschnittlich 20 Hektar hat er, pointiert formuliert, nicht einmal genügend Platz um mit solchen Maschinen umzudrehen. Gar nicht zu reden davon, dass er sie sich nicht leisten kann.

Aber immerhin darf er noch in die Hallen hinein und schauen.

So selbstverständlich, wie man meinen möchte, ist das aber vielleicht gar nicht mehr. Denn viele Unternehmen in Industrie und Handel sind dabei die Bauern in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu teilen. Reden mag freilich niemand davon, und zugeben mag es schon gar keiner: Aber immer mehr schauen sehr genau, wen man wohin einlädt und wer Zusendungen und Informationsmaterial bekommt und wer nicht.

Die Adresslisten vieler Unternehmen sind fein ziseliert. Zielgruppenorientierung ist das Schlagwort, nach denen sich die Marketingprofis richten. Gefragt ist der „Profilandwirt“, wer und was immer das ist. Nur zwei, drei, oder fünf Hektar zu haben reicht dafür nicht immer und wer nur mit ein paar hundert und nicht zumindest mit ein paar tausend Euro in der Transparenzdatenbank stand, ist auch immer seltener dabei.

Die Politik sollte sich darüber Gedanken machen. Immerhin werden auf diese Weise zumindest rund ein Drittel der heimischen Bauern, denen die Politik immer verspricht für sie zu kämpfen, ausgegrenzt und von der Zukunft abgeschnitten. Ein maßgeblicher Teil der heimischen Landwirtschaft wird damit ausgehöhlt. Dass Bauern, die den Zukunfts-Kriterien von Herstellern und Handel nicht entsprechen, kein Informationsmaterial oder die eine oder andere Einladung nicht bekommen ist dabei noch das geringere Problem. Schwerer wiegt, dass immer weniger Produkte entwickelt werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen und sie damit vom Fortschritt abgeschnitten werden.

Aber vielleicht gehört all das zur Agrarstrukturpolitik, wie sie in Österreich verstanden wird – die Bauern einfach sterben lassen, dann lösen sich auch die Probleme. Industrie und Handel machen sozusagen, was sich die Politik nicht traut.

Ist übrigens nicht das erste Mal. In der Agrarforschung und im Versuchswesen erlebt nicht nur ein Drittel der Bauern, was es heißt Bauern zweiter Klasse zu sein, sondern gleich die gesamte heimische Landwirtschaft. Die öffentlichen Institutionen sind längst finanziell ausgehungert, das Heft haben Konzerne in der Hand. Die freilich haben ihren Sitz, ihre Forschung und ihr Versuchswesen selten in Österreich. Den Bauern bleibt trotzdem nichts anderes, als sich nach dem zu richten, was von dort geboten wird.

Und das sind oft nicht mehr als Brosamen – nur sehr bedingt tauglich für die österreichischen Verhältnisse.

Blick ins Land - Dezember 2010

Samstag, 13. November 2010

Bauern fürchten die Schieflage




Kommenden Donnerstag stellt der EU-Agrarkommissar seine Pläne vor. Die Bauern haben dabei nicht nur schlechte Karten.

Hans Gmeiner Salzburg (SN). Mehr Geld für die osteuropäischen Bauern, neue Gewichtung des Förderinstrumentariums, niedrigere Prämien. Ein Anfang Oktober in Brüssel lanciertes Papier zur Agrarreform, das Agrarkommissar Dacian Ciolos zugeschrieben wird, hält seit Wochen die Agrarier in Atem. Man sieht Bergbauernförderung und Ausgleichszahlungen für Gebiete wie den Salzburger Flachgau in Gefahr und macht sich Sorgen um die Umweltprogramme, bisher Herzstück der heimischen Agrarpolitik. Für Zündstoff sorgt auch die anstehende Neuverteilung der Mittel in Österreich.

Lichten werden sich die Nebel erst kommenden Donnerstag, wenn Ciolos sein sogenanntes Optionenpapier für eine neue EU-Agrarpolitik ab 2014, also ab Beginn der nächsten EU-Budgetperiode, präsentieren wird. Klar ist freilich schon jetzt, dass die heimische Landwirtschaft in manchen Bereichen schlechte Karten hat. Sie hat aber auch Stärken, die hilfreich sein könnten, sich auch in Zukunft zu behaupten.

1. Die Mühlsteine

Die Betriebsgrößen der österreichischen Bauern sind im internationalen Vergleich sehr gering, die Produktionskosten entsprechend hoch, die Position auf den Märkten schwach. Das niedrige Preisniveau macht den heimischen Bauern zu schaffen. Auf großen Feldern und in riesigen Ställen kann nun einmal billiger produziert werden als auf kleinen Feldstreifen, steilen Hängen und in im internationalen Vergleich winzigen Ställen.

2. Starke Abhängigkeit

Rund 1,8 Mrd. Euro von Bund, Ländern und EU fließen jährlich in Form von Ausgleichszahlungen, Prämien und Zuschüssen direkt auf die Höfe. Der Anteil solcher Gelder am Bauerneinkommen ist in Österreich groß wie sonst kaum wo. Entsprechend groß ist die Angst vor Kürzungen, entsprechend laut sind die Warnungen davor, dass viele Bauern aufgeben werden – mit allen Folgen für Regionalpolitik, Fremdenverkehr und Landschaftspflege.

3. Gedrückte Stimmung

Die meisten Bauern tun sich schwer mit ihrem wirtschaftlichen Umfeld, sind verunsichert, viele wissen nicht weiter. Sie fühlen sich als Opfer des freien Markts. Viele schwärmen von der Vergangenheit, die freilich auch zumeist nie das war, als was sie nun manchen gilt. Es gibt aber auch eine neue Generation junger Bauern, die in ihrem Beruf aufgehen und Chancen sehen.

4. Spitze mit Know-how

Landwirtschaft wird in Österreich auf einem sehr hohen Niveau betrieben. Fachlich und ausbildungsmäßig macht den Bauern kaum jemand etwas vor. Die Erträge auf den Feldern und die Leistungen in den Ställen liegen über dem EU-Schnitt, in Gunstlagen sogar in der europäischen Spitze. Das hohe Produktionsniveau schlägt sich auch in der Qualität nieder. Die Produkte werden auch international geschätzt. Das ist ein Atout, das noch Möglichkeiten bietet.

5. Chancen begrenzt

Mit zahllosen neuen Produkten, Direktvermarktung, Biolandbau und dem Aufbau der Erzeugung von Bioenergie und nachwachsenden Rohstoffen schufen sich die Bauern in den vergangenen Jahren neue Einkommensmöglichkeiten. Zu mehr als zur Absicherung bestehender Verhältnisse reichte das freilich in den allermeisten Fällen nicht. Es wachsen keine Bäume in den Himmel. Das gilt auch für den Biolandbau. Trotz guter Nachfrage und hoher Preise sind die Biobauern auf extra hohe Förderungen angewiesen.

6. Die Möglichkeiten

Kein Nachteil ohne Vorteil: Die Konsumenten schätzen, dass es in Österreich praktisch keine industrialisierte Landwirtschaft gibt. Darin steckt Potenzial. Genauso in den den sogenannten Genussregionen. Derzeit noch Imagevehikel für Politiker, müssen sie zu echten Einkommensmöglichkeiten für die Bauern werden. Unbelohnt für die Bauern bleibt bisher Österreichs strikter Anti-Gentechnik-Kurs. Milch wird zwar mittlerweile flächendeckend – und teuer – GVO-frei erzeugt. In einem spürbar höheren Bauernmilchpreis schlägt sich das freilich nicht durch. Ungenutzt sind aber auch Möglichkeiten in klassischen Produktionszweigen. Bei Gänsen, Lämmern, Ziegen, Eiern gibt es derzeit eine große Importabhängigkeit.

7. Vertrauen als Basis

Das Vertrauen der Konsumenten in heimische Produkte und das gute Image der Bauern geben der Landwirtschaft Rückhalt. Man liebt heimisches Brot, heimische Milch, heimisches Fleisch. Die viel gescholtenen heimischen Handelsketten haben das erkannt und pflegen es mit Erfolg. Daraus kann mehr werden, wenn es den Bauern, Handel und Verarbeitern gelingt, gegenseitige Vorbehalte abzubauen.

8. Große Hoffnung

Landwirtschaft gilt als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Zukunft. Die Bauern in Österreich können damit freilich wenig anfangen. Wenn die Preise um ein paar Prozent anziehen und deswegen gleich überall Ängste umgehen, haben sie wegen der geringen Betriebsgrößen in Summe nur wenig davon. Zu weit ist das Preisniveau trotzdem von dem entfernt, mit dem sie ohne Förderungen leben könnten. Und genau das macht sie so skeptisch.


Salzburger Nachrichten Wirtschaft / 13.11.2010 / Print

Freitag, 29. Oktober 2010

Trau, schau – aber wem?





Von neuen Lösungen für die Vermarktung von Biogetreide, wie sie nach der Fast-Pleite der Agentur für Biogetreide im Sommer angekündigt wurden, ist einstweilen wenig zu sehen.

Die Politik hat sich wieder verkrümelt. Der Bundesverband Bio Austria, die RWA und der ewige Engelbert Sperl mit seiner agricultura und der flugs aus dem Hut gezauberten Bio-Qualitätsgetreide GmbH basteln mehr neben- als miteinander an Lösungen. Bio Austria Niederösterreich und Burgenland wissen nicht, wo sie ihr Ei hinlegen sollen. Andreas Kocourek ist dem Vernehmen nach trotz Vorstrafe und Fast-Pleite mit der Agentur immer noch eine Zentralfigur der Szene. Und Ja!natürlich, Crop Control und Pinczker werden, ganz brav und artig, nicht müde zu betonen: „Aber wir haben den vollen Preis gezahlt“.

Kurzum - es geht rund aber nichts weiter.

Viele Bauern aber haben immer noch kein Geld.

Kein Wunder, dass manchen der Kragen platzt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass die Agentur auf ihrem Rücken saniert wird und sie auf Geld verzichten sollen. Nach Angaben der nö. Zeitung MeinBezirk haben einige Landwirte die Agentur inzwischen geklagt.

Was in den letzten Wochen ruchbar geworden ist, macht ihre Wut wohl nicht kleiner. Prominente Vertreter von Bio Austria Niederösterreich und Burgenland (beide Organisationen sind Teilhaber der Agentur) sowie der Agentur selbst sollen schon im Vorjahr nicht nur an die Agentur geliefert haben. Glückliche Fügung? Für sie jedenfalls lohnte sich das Fremdgehen, haben sie doch ihr Geld in der Tasche.

Dazu gehört etwa Gerhard Hof, Vorstandsmitglied von Bio Austria Niederösterreich. Ausgerechnet seine Aufgabe in den vergangenen Monaten war, die um ihr Geld bangenden Agentur-Lieferanten von einem Forderungsverzicht zu überzeugen. Dabei belieferte er offenbar schon im Vorjahr den „zurück zum Ursprung“-Exklusiv-Lieferanten agricultura. Auf der Homepage von „zurück zum Ursprung“ jedenfalls wird er unter der Chargennummer 18.06.2010 S als einer der Getreide-Lieferanten für „Feine Bio-Semmeln“ genannt.

Auf der „Zurück zum Ursprung“-Liste steht auch Josef Strommer, in der Hierarchie der Agentur für Biogetreide gleich hinter Andreas Kocourek und für Information, Kommunikation und Qualitätssicherung zuständig. Er ist als Getreidelieferant für den „Sesam Bio-Kornspitz“ angeführt. Trotz der Chargennummer 03.10.2010 L gehen Branchenkenner davon aus, dass es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um Getreide aus der Ernte 2009 handelt.

Und als ob das nicht schon genug wäre, stellte sich nun heraus, dass Engelbert Sperl und Josef Weghaupt (letzterer war bis Juni Geschäftsführer der Agentur und ist jetzt wieder einfacher Mitarbeiter) bereits Im November 2009 und im März 2010 gemeinsam Unternehmen gründeten – die Joseph-Brot GmbH in Wien und die Bio Troad Bäckerei GmbH in Vitis. Diese Firmengründungen sind nicht nur was Weghaupt als Person anlangt bemerkenswert, sondern auch – im Hinblick auf die späteren Bemühungen Sperls die Agentur-Bauern aufzufangen - was den Zeitpunkt betrifft, zu dem sie geschahen.

Sei es wie es sei. Da passt auch, dass der 30-Prozent-Eigentümer der Agentur für Bio-Getreide bei einer Versammlung unwidersprochen ließ, dass er, als er vorübergehend nicht Geschäftsführer des Unternehmens war, als Konsulent angeblich bis zu 200.000 Euro im Jahr verdiente. Das wären fast 17.000 Euro pro Monat – viel Geld dafür, dass jetzt so viele Bauern durch die Finger schauen müssen.

Blick ins Land - 1.November 2010

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Bauern am falschen Fuß erwischt




Die Sparmaßnahmen treffen die Bauern weniger im Agrarbereich als in der Sozialversicherung ins Mark.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Nach den Budgetverhandlungen war Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich erleichtert. „Die Bauerneinkommen bleiben unangetastet“, sagte er. Die EU-Förderungen seien wegen des Einkommensminus von 28 Prozent im Vorjahr nicht in die Berechnungsbasis einbezogen worden, statt 505 Mill. Euro müsse sein Ressort daher im Bereich Landwirtschaft in den nächsten vier Jahren nur 203 Mill. Euro einsparen, in die aktuellen Förderprogramme für die Bauern müsse er nicht eingreifen und auch die Vergütung für Agrardiesel bleibe erhalten.

Nun lichten sich freilich die Nebel und es zeigt sich, dass die Aussage des Ministers nur zum Teil stimmt, weil nicht allein die Förderprogramme die Einkommen der Bauern bestimmen. Durch die Hintertür und nicht über sein Ressort, sondern über das Sozialministerium werden die Bauern nämlich in Form von Erhöhungen bei den Sozialversicherungsbeiträgen zur Kasse gebeten. Was da auf sie zukommt, frisst einen Gutteil der Mittel, die man eingespart zu haben glaubte, wieder auf. Und vor allem: Die in diesem Bereich geplanten Kürzungen der Budgetmittel wirken sich zum Teil direkt auf die Einkommen aus.

Insgesamt geht es in den kommenden vier Jahren in der Sozialversicherung der Bauern um rund 260 Mill. Euro und damit um deutlich mehr als im Agrarbudget an sich. Aufgebracht werden muss dieses Geld in Form höherer Beiträge, Umstrukturierungen, Einsparungen und Leistungsanspassungen.

Fix ist bereits jetzt die stufenweise Anhebung des Beitragssatzes in der Pensionsversicherung von derzeit 15 um jährlich 0,25 Prozentpunkte auf auf 16 Prozent. In Summe macht das 60 Mill. Euro, die die Bauern aus der eigenen Tasche zusätzlich aufbringen müssen. Mindestens 86 Mill. Euro macht die für drei Jahre beabsichtigte Senkung des Hebesatzes in der Krankenversicherung aus. Und zumindest 113 Mill. Euro fehlen in den kommenden vier Jahren in der bäuerlichen Unfallversicherung. Dort soll der Beitrag des Bundes ab 2011 ersatzlos gestrichen werden. Abgesehen von der Erhöhung der Beiträge in der Pensionsversicherung ist noch nicht klar, was in den beiden anderen Sparten auf die Bauern zukommt. Dort kann man zumindest für einige Zeit über die Auflösung von Rücklagen die Abgänge ausgleichen.

Aber auch abseits der Sozialversicherung werden die Budgeteinsparungen im Agrarressort deutliche Spuren hinterlassen. Gespart wird vor allem im Bereich der Ländlichen Entwicklung. Während die Gelder für die Bauern aus diesem Topf (hauptsächlich Bergbauern-, Umwelt- und Investförderung) unangetastet bleiben, will man in Bereichen wie Dorferneuerung, Marketingprojekte, aber auch Zuschüsse für das Weinmarketing und die Landwirtschaftskammern insgesamt rund 150 Millionen Euro sparen.

Weitere 24 Mill. Euro sollen Verwaltungsmaßnahmen wie Aufnahmesperren und Dienstreisekontingentierungen bringen. 22,3 Mill. Euro erwartet man von einer verstärkten Nutzung von Synergien zwischen Dienststellen, Beteiligungen und AMA. So werden etwa das Institut für agrarwissenschaftliche Forschung und das Institut für Bergbauernfragen zusammengelegt.

Nicht ungeschoren kommen auch die agrarischen Verbände davon. Die Mittel für sie werden um rund zehn Prozent gekürzt. Über vier Jahre macht das 1,3 Mill. Euro.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 28. Oktober 2010

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Buchtipp












Diesmal ein Buchtipp: Kollege Paul Trummer vom Kurier hat ein Buch geschrieben das sich niemand, der an dem Thema interessiert ist entgehen lassen sollte - aufschlussreich, lehrreich und ein weiter Blick über den österreichischen Tellerrand hinaus.

Pizza ist das beliebteste Fast Food der Welt – und das Produkt einer globalen Industrie. Paul Trummer will wissen, wie sein Lieblingsgericht hergestellt wird, und verfolgt den Weg der einzelnen Zutaten. Er stößt auf milliardenschwere Getreidehändler in den USA, afrikanische Tomatenpflücker in Italien und streikende Milchbauern in Deutschland. Die Entstehungsgeschichte einer einfachen Pizza erzählt von den komplizierten Bedingungen und fatalen Folgen unserer modernen Ernährung. Ein spannender und informativer Einblick in die oft verschlossene Welt der Lebensmittelbranche – der auch zeigt, was Sie selbst ändern können.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Landwirtschaft ist kein Platz zum Träumen





Die heimische Landwirtschaft ist in der Defensive. In Österreich gerieten die Bauern und die Gelder die sie bekommen im Gefolge der geplanten Budgetsanierung ins Kreuzfeuer, in Brüssel wird an einer Agrarreform gearbeitet, die nichts Gutes verheißt. Mit einem Mal scheint alles auf dem Prüfstand zu stehen. Das lässt bei den Bauern Zukunftsängste hochkommen. Zu verdenken ist ihnen das nicht, denn schon jetzt ist klar: Die Bauern sind in Zukunft in einem immer komplizierter und komplexer werdenden Umfeld sicherlich noch viel mehr auf sich selbst angewiesen, als sie es derzeit sind.

Auch wenn sich das so viele Bauern und auch Agrarpolitiker so sehr wünschen - einfache Lösungen, wie man in dieser Zukunft bestehen kann, gibt es nicht. Dafür fehlt es in Zukunft schlicht am nötigen Geld, mit dem bisher so viel in Österreich und in Europa zugedeckt wurden.

Die nötige Anpassung stellt an die Bauern große Anforderungen. Die wohl größte dabei: es gilt wirklich das zu werden, als das sich viele eigentlich ohnehin gerne sehen - Unternehmer.

Bauern können diese Empfehlung angesichts der Probleme die sich vor ihnen auftürmen zwar nicht mehr hören, abschauen können sie sich von ihren Kollegen in der Wirtschaft zumindest doch etwas.

Wenn die Bauern an den Stammtischen oder wo immer sie zusammenkommen nur die Hälfte der Zeit, die sie über die Agrarpolitik, die Konsumenten, den Handel und sonst was jammern, sondern über das Geschäft, über die Chancen, über die Zukunft reden würden, wäre schon einmal viel gewonnen.

So wie es Manager eben tun, Leute in der Wirtschaft. Die können auch jammern, keine Frage. Aber sie reden am liebsten von der früh bis spät darüber, was sie tun könnten, über Strategien, über Ideen. Die meisten zumindest.

Statt dessen verhalten sich allzu viele in der Landwirtschaft immer noch oft wie Gewerkschafter oder, wie ein Kollege zugegebenermaßen sehr pointiert aber doch treffend formulierte, „pragmatisierte Keuschler“. Dazu gehört auch immer ein wehleidiger Blick auf die Vergangenheit, bei dem gerne vergessen wird, wie es wirklich war.

Die Getreidebauern seien nur als Beispiel genannt. Es waren nicht viel mehr als zehn, 20 Jahre in den 1950er und 1960ern, in denen sie alleine vom Ackerbau leben konnten. Nicht vorher und nicht nachher. Vorher gab es Kühe und Schweine in den Ställen. Nachher suchte man Mieter, baute Wohnungen oder verdiente sich im Zu- und Nebenerwerb etwas dazu. Und dennoch zerbrechen noch heute viele Leute daran, schimpfen, leiden, hadern mit ihrem Schicksal. Ohne dass das irgendetwas bringen würde.

Dabei gibt es - auch wenn es noch so schwer ist - keine Alternative dazu, die Vergangenheit los zu lassen und ein neues Gedankenkonzept zurecht zu legen. Landwirtschaft ist hartes Brot. Da sollten sich die Bauern sich keiner Illusion hingeben und nicht ihre Energie an wehmütigen Argumentationen vergeuden.

Bei den Betriebsgrößen, wie wir sie in Österreich haben, ändern daran auch Energieproduktion, Vertragsproduktion und viele der Dinge, die die Agrarpolitik verfolgt, nicht wirklich etwas. Sie sind allenfalls geeignet dafür, die Preise nicht weiter rutschen zu lassen, aber keinesfalls dafür, die Einkommenssituation spürbar zu verbessern.

„Ja, aber der Landwirtschaft wird aber eine gute Zukunft vorausgesagt, sie gilt als Schlüsselzweig der Zukunft, da lehne ich mich zurück, bis dahin wird ich es schon aushalten“, heißt es dann. Da kann man nur sagen: Vorsicht! Das mag ja stimmen. Aber, man sollte nicht vergessen zu fragen: Was hilft es einem landwirtschaftlichen Betrieb nachhaltig, wenn die Getreidepreise möglicherweise von 10 auf 20 Cent steigen, der Milchbauer und der Schweineproduzent um ein paar Cent mehr bekommen, aber gleichzeitig die Fördergelder weniger werden oder gar teilweise ganz wegfallen?

Und es wird weniger Geld geben. Die Bauern und ihre Vertreter müssen damit zurande kommen. Das ist der Rahmen in dem sich Landwirtschaft in den nächsten zehn, 20 Jahren abspielen wird.

In Pessimismus zu verfallen wäre dennoch falsch. Bauern wie Agrarpolitiker sollten sich einen realistischen Blick anzugewöhnen. Die Größe eines Betriebes, die vielen als so entscheidend gilt, ist bei der Bewältigung der Zukunft, bei der Entwicklung einer Strategie für die nächsten Jahren sicher nicht das wichtigste Kriterium. Das zeigen viele der kleinen Betriebe, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte und die für sich dennoch tragfähige Lösungen gefunden haben.

Die sollten sich viele Bauern, die jetzt mit ihrem Schicksal hadern, ruhig zum Vorbild nehmen. Sie müssen zunächst einmal ihre Hausaufgaben machen – sparen, rechnen, kooperieren.

Viele werden ihre Zukunft als Patchwork-Bauern finden, mit Einkommen aus verschiedenen Quellen. Die Landwirtschaft kann eine davon sein, soferne sie sich organisieren lässt und soferne sie sich rechnet.

Es wird aber sicher auch größere Betriebe geben, weil der Stukturwandel durch die Ausbildung der jungen Generation auf der einen Seite und durch die bescheidenen Aussichten für die Landwirtschaft auf der anderen Seite wohl eine andere Qualität und mehr Tempo bekommen wird.

Von vorneherein schlecht ist das nicht: Dieser Strukturwandel bietet immer auch Chancen – Chancen für jene Bauern, die weitermachen wollen, bei denen die Situation besser passt, die sich in der Landwirtschaft etwas sehen.

Und noch etwas sollten Bauern nicht vergessen: sie haben etwas als Bauern, das nicht jeder hat - Grund, Haus, Gebäude. Man kann etwas daraus machen. Man kann sich aber auch ganz bewusst dafür entscheiden, daraus nichts zu machen, wenn glaubt, damit besser leben zu können.

Zugegeben, das alles mag einfach klingen und ist doch so unendlich schwierig. Aber es gibt halt nichts schönzureden.

Raiffeisenzeitung - 14. Oktober 2010

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Dienstag, 5. Oktober 2010

Wer gibt den Bauern Kraft für die Zukunft?





Selten hatte die Landwirtschaft so viele Schlagzeilen wie in den vergangenen Wochen. Mit den Agrargeldern für Wirtschaftsbosse, Unternehmen aus der Nahrungsmittelindustrie und Agrarfunktionäre ließen sich vortrefflich politische Ränke schmieden. Und fertig war der perfekte Sommer-Mulatschag mit den Bauern mitten drin im politischen Hickhack.

Alles aus Sorge um die Bauern? Mitnichten. Denn von der Situation der Landwirtschaft, von Vorschlägen gar, wie die Bauern aus einer Dauerkrise in eine tragfähige Zukunft geführt werden könnten, war kaum die Rede.

Keine Frage, dass es im Agrarsystem reichlich Reformbedarf gibt. Das darf aber nicht den Blick auf die wirklichen Probleme der Landwirtschaft verstellen. Die können nämlich nicht nur mit Förder-Kürzungen für ein paar Superreiche bewältigt werden.

Darunter leidet die österreichische Landwirtschaft nicht wirklich. Die Themen sind andere: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, kleine Strukturen, schlechte Einkommen.

Die Bewirtschaftung von Stall, Feldern und Wäldern ist in Wahrheit längst ein Nullsummenspiel geworden. Mit den Erlösen für Milch, Fleisch oder Getreide sind gerade einmal die Produktionskosten zu decken. Als Einkommen und damit zum Leben bleibt meist nicht viel mehr als das, was die öffentliche Hand an Ausgleichszahlungen gibt. In den 19.000 Euro, die einem Bauern im Schnitt im Vorjahr blieben, steckten 18.000 Euro an öffentlichen Geldern.

Bei kleinen Betrieben ist laut Grünem Bericht das Verhältnis noch alarmierender. Durch die Bank gehen da sogar auch noch Fördergelder verloren. Im Klartext: Für sie wäre es günstiger das Geld zu nehmen und nichts zu tun. Dann bliebe ihnen mehr. Mit Verteilungsgerechtigkeit hat das nichts zu tun.

Angesichts solcher Relationen kann man – Leistungen für Umwelt hin, für Landschaft her - nur mehr fragen: Was hat man bloß aus der Landwirtschaft, was hat man aus den Bauern gemacht? Eine ganze Branche am Tropf? Angewiesen auf den guten Willen der Politik und hilflos?

Im Argumentationsgetümmel der vergangenen Wochen fragte das aber niemand. Die Gründe für diesen Zustand, oder Strategien gar, wie man den Bauern jedweder Größe wieder Kraft für eine tragfähige Eigenständigkeit geben kann, sind kein Thema. Geredet wird praktisch nur mehr über Förderungen.

Ausgerechnet die Partei jener, denen die Lebensmittel nicht billig genug sein können und die damit mit dazu betrugen vor allem die kleinen Bauern chancenlos zu machen, versucht sich zu deren Sprecher aufzuschwingen. Umverteilung klingt gut. Dass dadurch Strukturen einzementiert werden, die Wettbewerbsfähigkeit kaum gefördert und in der Substanz für die Landwirtschaft nichts geschähe, spielt da keine Rolle - und schon gar nicht, dass sich die Abhängigkeit des einzelnen Bauern von öffentlichen Geldern noch weiter vergrößern würde.

Die anderen sind kaum besser. Auch sie, hört man den Funktionären bis hinauf zum Minister zu, haben nur die Förderungen und deren Absicherung im Visier.
Keine Frage, derzeit kann die Landwirtschaft ohne Förderungen nicht leben. Das ist aber kein Grund, Agrarpolitik nur mehr über Förderungen und deren Verteilung zu definieren. Für keine Seite. Auch nicht für die Bauern.

Agrarprobleme mit Geld und noch mehr Geld zu lösen, funktionierte vielleicht bisher. Sich darauf auch in Zukunft zu verlassen, geht wohl ins Auge, denn damit ist angesichts der anstehenden Sparpakete und der EU-Agrarreform nun aber wohl Schluss.

Blick ins Land Oktober/2010

Samstag, 2. Oktober 2010

Schwieriger Weg zu echter Hilfe




Den kleinen Bauern, so tönt es von allen Seiten, muss mehr geholfen werden. Das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick ausschaut. Die Preise sind zu niedrig, die bäuerlichen Betriebe in Österreich meist zu klein, um Agrarprodukte wirtschaftlich zu erzeugen. Das macht es schwierig, die Agrargelder, auf die die Bauern angewiesen sind, auf die Höfe zu bringen.
In einem schlechten Jahr wie 2009 sind die Fördergelder oft nur Durchlaufposten. Eigentlich dafür bestimmt, internationale Wettbewerbsnachteile auszugleichen und besondere Aufwendungen für Pflege von Landschaft und Umwelt abzugelten, landet ein Gutteil davon in Unternehmen im Umfeld der Landwirtschaft. Geld verbrennen könnte man das nennen.

Höhere Förderungen würden diesen Trend verstärken und die Landwirtschaft noch weiter weg von den Märkten und in die Abhängigkeit öffentlicher Kassen führen. Lässt man alles beim Alten, drohen vielleicht leere Regionen. Man darf gespannt sein, welcher Weg dazwischen gefunden wird.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft/Kommentar 2. Oktober 2010

Kleinbauern im Dilemma





Im Vorjahr wäre es für kleine Bauern besser gewesen, Fördergelder zu nehmen und nichts zu tun. So aber verloren sie Geld.

HANS GMEINER Salzburg (SN). 2009 war für die Bauern eines der schlechtesten Jahre seit Langem. Die Einkommen sanken gegenüber dem vorangegangenen Jahr um 28 Prozent. Deutlich wie selten zuvor wurde dabei die Abhängigkeit der Bauern von öffentlichen Geldern bloßgelegt. Besonders groß ist sie bei kleinen Betrieben. Dort waren laut Grünem Bericht die Ausgleichszahlungen und Förderungen durchwegs höher als das Einkommen, das den Bauern unterm Strich blieb. Im Klartext: Für diese Bauern – knapp die Hälfte aller Betriebe – wäre es wirtschaftlich sinnvoller gewesen, die Fördergelder einzustecken und nichts zu tun. Dann wäre ihnen mehr geblieben, als aus Produktion und Verkauf von Milch, Fleisch und Getreide. Schon bei einem durchschnittlichen bäuerlichen Betrieb mit 28,5 Hektar und 19 sogenannten Großvieheinheiten (19 Milchkühe oder 125 Mastschweine) blieb aus der Landwirtschaft selbst fast nichts. In den 19.000 Euro Einkommen steckten 18.000 Euro an Ausgleichszahlungen und Förderungen. Bei kleineren Betrieben gerieten im Vorjahr die Relationen vollends aus dem Lot:
■ Für einen 19,4-Hektar-Betrieb mit einem Forstanteil zwischen 25 und 50 Prozent weist der Grüne Bericht für das Vorjahr 13.500 Euro an öffentlichen Geldern, aber nur ein landwirtschaftliches Einkommen von 10.600 Euro aus.
■ Bei einem klassischen Futterbaubetrieb mit 16,9 Hektar und 16 Rindern blieben von den 11.600 Euro an Förderungen nur 5800.
■ Bei einem Marktfruchtbetrieb mit 16,4 Hektar, der überwiegend Getreide erzeugt, wurden aus 9500 Euro Förderungen nur 3400 Euro Einkommen.
Bei kleineren Betrieben ist die Relation von Förderungen und verbleibendem Einkommen entsprechend schlechter. Die Zahlen des Grünen Berichts legen damit das Dilemma der heimischen Landwirtschaft schonungslos offen. Zu gering ist angesichts der niedrigen Preise die Produktion der Betriebe, zu hoch sind die Kosten und zu schwierig oft die Produktionsbedingungen. Das Fördersystem kann seine Funktion nicht mehr erfüllen, die Bauern können es nicht mehr nutzen. So werden gerade die Subventionen für kleine Bauern zu Förderungen für Unternehmen in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen. Lagerhäuser, Landesprodukten- und Landtechnikhändler konnten sich freuen, dass die Bauern Teile des öffentlichen Geldes verwenden, um bei ihnen einzukaufen. Und Fleischhauern, Molkereien oder Getreidehändlern und Konsumenten kommt zugute, dass sie günstig und indirekt gefördert zu Produkten kommen. In der Diskussion um die Umverteilung der Agrarförderungen und eine Stärkung der kleinen Betriebe spielt das bisher freilich keine Rolle. Wie abgesichert werden kann, dass vor allem die Bauern von den Fördergeldern profitieren können und diese nicht wie heuer nur ein Durchlaufposten sind, der anderen Sparten zugute kommt, ist ungeklärt. Wie manches andere auch. Denn aus rein wirtschaftlicher Sicht spricht gegen die Umschichtung der Agrarmittel, dass die Struktur einzementiert, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft nicht gestärkt und die Abhängigkeit vor allem der kleinen Bauern von öffentlichen Geldern weiter vergrößert wird. Zu berücksichtigen ist freilich der soziale Aspekt. Und der politische: Das Gesetz hat die flächendeckende Bewirtschaftung Österreichs als oberstes Ziel. Und die geht nicht nur mit großen Bauern.

Salzburger Nachrichten Wirtschaft - 2. Oktober 2010

Freitag, 17. September 2010

Notwendigkeit und Chance




Die heimische Milchwirtschaft galt über Jahrzehnte als Inbegriff wirtschaftlicher Behäbigkeit. Abgeschottet durch ein planwirtschaftliches System, das einer geschützten Werkstätte glich, verarbeitete man Milch, die niemand brauchte, zu Produkten, die niemand wollte.
Das hat sich inzwischen geändert. Heimischer Käse und all die anderen Produkte, die die Molkereien erzeugen, können sich auch international sehen lassen.

Nach einer ersten Welle der Strukturbereinigung rund um den EU-Beitritt ist nun der Druck wieder so groß, dass man die Strukturen den Bedürfnissen des Marktes anpassen muss. Dort weht ein rauer Wind. Internationale Molkereien, die ein Mehrfaches der heimischen Produktion verarbeiten, bestimmen das Geschäft. Da braucht es andere Betriebe als bessere Sennereien, um die inzwischen durchaus beachtlichen Mengen, die heimische Milchbauern erzeugen, auch verkaufen zu können.

Fusionen wie Berglandmilch und Landfrisch, Salzburger Alpenmilch und Käsehof und jetzt Berglandmilch und Tirol Milch sind daher der richtige Weg. Es werden noch weitere folgen.

Für die Bauern hat das freilich zwei Seiten. Auf der einen Seite erkennen sie die Bedeutung großer Einheiten für eine erfolgreiche Vermarktung ihrer Milch. Auf der anderen Seite haben sie das ungute Gefühl, allzu großen Abnehmern ausgeliefert zu sein.

Dieses Unbehagen ist verständlich. Es ist eine Herausforderung für die Verantwortlichen in der Milchwirtschaft, die Bauern nicht zu enttäuschen. Dann werden diese den Weg mittragen. Er ist für die heimische Milchwirtschaft ohne Alternative, er gibt aber auch Erzeugern von Spezialitäten die Chance, die Lücken im Angebot der großen Verarbeiter zu füllen.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 17. September 2010

Tapfere Milchzwerge




Die Fusionswelle in der Milchwirtschaft wird weitergehen. Der Druck wächst.

HANS GMEINER Zeillern (SN). Wenn nichts mehr dazwischenkommt, wird nächste Woche der Zusammenschluss der Berglandmilch mit Tirol Milch endgültig fixiert. Diese Fusion, die über den Sommer heftigen politischen Staub aufwirbelte, ist bereits die dritte innerhalb eines Jahres. Vor einem Jahr übernahm Berglandmilch die Welser Landfrisch, Anfang Juli zogen die Salzburger Alpenmilch und Käsehof unter ein Dach.
Abgeschlossen ist damit der Konzentrationsprozess in der heimischen Milchwirtschaft noch lang nicht. Die niederösterreichische NÖM, die in Tirol den Kürzeren zog, signalisiert immer wieder Interesse an der Übernahme anderer Molkereien. Der Gmundner Milch werden ähnliche Ambitionen nachgesagt. Helmut Petschar, Chef der Kärntnermilch und Sprecher der heimischen Molkereien, wundert das nicht: „Der Druck wird nicht weniger.“

Schon jetzt arbeiten die Molkereien in den unterschiedlichsten Formen zusammen. Insbesondere hilft man sich gegenseitig in der Produktion aus. „Aus solchen Kooperationen können dann schon Fusionen entstehen“, sagt Molkereien-Sprecher Petschar.

Von Größenordnungen wie sie international üblich sind, ist man in Österreich ohnehin weit entfernt. „Da sind wir Zwergerl“, sagt Josef Braunshofer, der mit der Berglandmilch künftig mehr als 50 Prozent der heimischen Milch verarbeiten wird. „Die deutsche Müllermilch verarbeitet an einem einzigen Standort mehr, als die gesamte heimische Milch ausmacht.“ Das sind immerhin 2,7 Millionen Tonnen jährlich. Auf den Märkten fragt niemand danach. „Gegen die müssen wir aber antreten“, sagt Braunshofer.

Dass das nicht leicht ist, zeigt die Außenhandelsstatistik des ersten Halbjahrs. Während die Exporte um fast vier Prozent zurückgingen, legten die Importe um fast fünf Prozent zu. „Der Druck von außen nimmt zu“, sagt Braunshofer. „Die sind billiger, weil man dort den Bauern weniger zahlt.“

Insgesamt liegt die heimische Milchwirtschaft umsatzmäßig aber heuer besser als im Vorjahr. Auch bei den Bauern geht es leicht aufwärts. Im Jahresvergleich gab es beim Erzeugermilchpreis mit netto 29,11 Cent je Kilogramm ein Plus von 1,11 Prozent. In Summe macht das für die 38.000 Lieferanten ein zusätzliches Milchgeld in der Höhe von 18,6 Mill. Euro aus.

Sah es vor dem Sommer noch so aus, als steige der Bauernmilchpreis weiter, ist inzwischen Skepsis eingekehrt. Die Anlieferung steigt, Donnerstag gab der Landwirtschaftsminister sogar zusätzliche Quoten frei. „Derzeit ist der Marktpreis stabil“, sagt Petschar. „Ich hoffe, dass wir ihn bis zum Jahresende halten können.“

Salzburger Nachrichten Wirtschaft 17. September 2010

Donnerstag, 16. September 2010

Kein Überleben aus eigener Kraft




Für die Bauern steht in diesen Wochen viel auf dem Spiel. Aber der Streit um die Förderungen geht an den wirklichen Herausforderungen vorbei.

Hans Gmeiner Salzburg (SN). Im Streit um die Agrarförderungen und deren Verteilung sind die eigentlichen Probleme der heimischen Landwirtschaft ins Hintertreffen geraten. Dabei sind die groß wie nie. Die Bauern leiden vor allem unter ihrer fehlenden Wettbewerbskraft. Zudem stehen massive Budgetkürzungen ins Haus, und die EU plant eine Agrarreform, die weitere Einschnitte und Mittelumschichtungen befürchten lässt. Das stellt nicht nur die Bauern selbst, sondern auch die Strukturen im Hintergrund (Kammern, Verbände und Verwaltung) vor enorme Herausforderungen.
In Sachen Effizienz zählen die heimischen Bauern im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. Sie produzieren für die Erlöse, die auf den Märkten zu erzielen sind, zu teuer. Vor allem die Struktur der heimischem Landwirtschaft und die Produktionsbedingungen, unter denen viele Bauern arbeiten müssen, erweisen sich als große Last.

Mehr als 50 Prozent der Betriebe haben weniger als zehn Hektar, die durchschnittliche Betriebsgröße erreicht kaum 20 Hektar, mehr als die Hälfte der Betriebe liegt im Berggebiet, zwei Drittel werden im Nebenerwerb bewirtschaftet. Nach internationalen Maßstäben, wo in Hunderten Hektar und Tausenden Stück Vieh gerechnet wird, nimmt sich das mickrig aus.

Mit reichlich Fördergeldern, ausgeklügelten Programmen, Qualität und Schläue ist es in der Vergangenheit gelungen, sich gegen die Konkurrenz aus dem Ausland zu behaupten. Darum will man von dieser Politik auch nicht abrücken. Argumente dafür lieferte Mittwoch das Wirtschaftsforschungsinstitut. Demnach würde ein Wegfall der 1,1 Mrd. Euro für die Ländliche Entwicklung (Umwelt-, Bio- und Bergbauernprogramm, Investförderung) 23.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern und Abnehmern und bis zu 80.000 auf den Höfen kosten. Die Wertschöpfung der Landwirtschaft würde um 13 Prozent und der Umsatz um 15 Prozent verringert. Überdurchschnittlich stark betroffen wären vor allem Salzburgs Bauern. Im Flach- und Tennengau drohen Einbußen von bis zu 25 Prozent, in den Gebirgs gauen sogar von bis zu 30 Prozent.

Der Preis für die Förderungen, um die die Bauern kämpfen, ist freilich hoch. Ein ganzer Wirtschaftszweig hängt in einem extrem hohen Maß von Geldern und damit auch vom guten Willen der öffentlich Hand ab. Die Erlöse, die ein durchschnittlicher Hof rein für Getreide, Fleisch oder Milch erzielen kann, übertreffen die Produktionskosten kaum. Bei kleineren Bauern in geringerem Maß, bei größeren in einem etwas höheren. Bei den meisten ist es aber jedenfalls zu wenig, um aus eigener Kraft wirtschaftlich zu überleben. Das aber ist in der Diskussion kein Thema.

Zum Leben bleibt zumeist nicht viel mehr als das, was die öffentliche Hand an Ausgleichszahlungen und Förderungen gibt. In den 19.000 Euro, die einem Bauern jährlich im Durchschnitt bleiben, stecken 18.000 Euro an öffentlichen Geldern.

Das stellt auch die geforderte verstärkte Umverteilung der Mittel zu Kleinstbetrieben in ein besonders Licht. Zum einen würde dadurch die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit tenden ziell einzementiert, zum anderen aber vor allem deren Abhängigkeit von öffentlichen Geldern weiter vergrößert.

Dabei sollte der umgekehrte Weg das Ziel sein – und zwar für die gesamte Landwirtschaft. Aber dafür ist in der Debatte kein Platz.

Salzburger Nachrichten Wirtschaft 16. September 2010

Samstag, 11. September 2010

Aufschrei gegen den Handel





Der Handel betreibe "Wertvernichtung", kritisiert die heimische Lebensmittelindustrie. Preiserhöhungen stehen bevor.

Wien (SN-gm). Im Vorjahr ging der Umsatz der Lebensmittelindustrie (225 Unternehmen, knapp 30.000 Mitarbeiter) um 7,1 Prozent auf 7,2 Mrd. Euro zurück, heuer setzte es im ersten Halbjahr neuerlich ein Minus von 4,4 Prozent. Das Wort "mies" wählt Michael Blass, der Geschäftsführer des Verbands der Lebensmittelindustrie, um die Lage der Branche zu beschreiben. Auf der einen Seite sorgen die gestiegenen Rohstoffpreise bei Getreide, Früchten, Honig, Kaffee und Kakao für Druck. Auf der anderen Seite sieht man sich mächtigen Handelsketten gegenüber, über deren Geschäftspolitik man zunehmend erbost ist. "Der Lebensmitteleinzelhandel betreibt mit seiner Preispolitik Wertgefährdung, in manchen Bereichen sogar Wertvernichtung", sagt Blass und verweist auf die "überzogene Aktionitis und den Eigenmarkenboom". Ein Dorn im Auge sind ihm auch Forderungen wie die sogenannten "Restrukturierungsbeiträge bis zu ein paar Zigtausend Euro", wie sie etwa Zielpunkt von seinen Lieferanten zur Sanierung des Unternehmens verlangt.

"Rewe, Spar und Hofer haben bald 80 Prozent Marktanteil", sagt Blass. Das sei einzigartig in Europa. Stephan Mikinovic, Chef der AMA-Marketing: "Wenn wir in Deutschland Österreich-Wochen machen, haben wir 40 Handelsorganisationen als mögliche Partner." In Italien seien es gar 120. Da ist für Blass das "Interesse der Bundeswettbewerbsbehörde, sich mit der Konzentration im Einzelhandel zu befassen", Balsam auf die Seele der Lebensmittelerzeuger.

Bei den derzeit laufenden Preisverhandlungen mit dem Handel geht es darum, die erhöhten Rohstoffkosten in den Preisen unterzubringen. Vor allem Mehl, aber auch Produkte wie Fruchtsäfte, Marmeladen oder Mehlspeisen werden sich wohl empfindlich verteuern.

Lichtblicke gibt es dennoch. Seit drei Monaten ziehen die Agrarexporte an, besonders nach Deutschland.

Salzburger Nachrichten Wirtschaft 11. September 2010

Donnerstag, 9. September 2010

Von der Feldarbeit zur Kopfarbeit



Festschrift 60 Jahre Saatbau Linz

„Nicht die stärksten Arten werden überleben, auch nicht die intelligentesten, sondern diejenigen, die am besten auf Veränderungen reagieren“.
Charles Darwin



Zahllos sind die Zukunfts-Einschätzungen, die den Bauern seit Jahren aufgetischt werden. Hell und optimistisch getüncht die einen, pessimistisch und schwarz die anderen. Die Zuversichtlichen zimmern sich daraus ihre Träume, die Ängstlichen ihre Untergangsszenarien. Doch Aufgeregtheit ist fehl am Platz. Gefragt sind Köpfchen, Offenheit - und ein endgültiges Adieu an die Vergangenheit.

Die Landwirtschaft ist längst auf dem Weg in die Zukunft. Die großen Weichen sind gestellt. Die Herausforderung für einen Bauern ist, damit zurecht zu kommen. Dabei geht es, allen persönlichen Befindlichkeiten zum Trotz, darum, die Chancen zu finden und die Gefahren zu erkennen. Aufmerksamkeit.
Denn, was kommt, muss keineswegs nur von Nachteil für die Landwirtschaft sein, sondern kann durchaus auch Chancen bieten.
• Der Trend zu einer Liberalisierung der Märkte, einst als Dolchstoß für die Landwirtschaft gefürchtet, zeigt nach und nach auch positive Seiten. Österreichs Landwirtschaft exportiert soviel wie nie zuvor. Dass sich die Ausfuhren vervielfachten, gehört zu den Erfolgsstories der heimischen Wirtschaft und eröffnete große Absatzmöglichkeiten.
• Klar ist auch, dass für die Landwirtschaft in Zukunft weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Die öffentlichen Kassen sind spätestens mit der aktuellen Finanzkrise auf lange Zeit hinaus leer. Da sollten sich die Bauern keinen Illusionen hingeben.
Das freilich ist schon ziemlich alles, was klar ist. Bei den Produktionsauflagen, die so gefürchtet sind, ist wohl zu differenzieren. Schon jetzt bekommen die Bauern (was gerne übersehen wird) Geld für die Erfüllung von Auflagen – „Ausgleichszahlungen“ eben. Das wird im Zusammenhang mit Umweltprogrammen auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Vor allem aber werden die Auflagen im Zusammenhang mit Sonderprogrammen etwa des Handels von größerer Bedeutung werden – ebenfalls gegen Geld natürlich. Dem freilich – den Auflagen und dem Geld - kann man sich entziehen, indem man da nicht mitmacht.
Vieles unabwägbar ist auch bei Energie aus Biomasse, Verzicht auf Gentechnik oder Regionalität und manchem anderen, das gerne als taugliche Strategie für die Zukunft verkauft wird. In Wirklichkeit sind sie zumeist allesamt doch nicht mehr als ein Beitrag, das derzeitige Preisniveau abzusichern.
Dass das von den meisten Bauern als zu niedrig empfunden wird, mag verständlich sein, daran wird sich aber wohl in absehbarer Zeit nichts Grundlegendes ändern. Und das erzeugt Handlungsbedarf.

Es gibt kein Patentrezept
Die Landwirte müssen sich und ihren Betrieb in die Lage versetzen, damit zurecht zu kommen. Da führt kein Weg herum.
Entscheidend dabei wird sein, wie sie das Thema anpacken. Was will man? Was kann man? Was ist man bereit zu geben? Dabei wird man sich, auch wenn das sehr schmerzhaft sein kann, von lieb gewordenen Traditionen und Einschätzungen verabschieden müssen. Offenheit für Entwicklungen und Trends und Ehrlichkeit zu sich selbst sind gefordert.
Landwirtschaft wird in einem noch viel größerem Ausmaß als bisher Kopfarbeit. Wer in der Landwirtschaft bleiben will, muss ständig mitdenken, die Nase im Wind haben, flexibel sein und bereit neue Wege zu gehen. Die Welt darf nicht an der Landesgrenze und schon gar nicht an der Dorfgrenze enden.
Ein Patenrezept gibt es nicht. Perfektion in der agrarischen Produktion alleine wird, auch wenn sie das letzte Kilogramm herausholt, jedenfalls zu wenig sein. Der Umgang mit den zahllosen Informationsangeboten, Kenntnis von Märkten und dem Funktionieren der Instrumentarien werden sehr rasch viel wichtiger als sie noch heute sind. Selbst die Kenntnis von zumindest einer Fremdsprache ist für den Bauern der Zukunft unabdingbar – allein schon um sich international informieren zu können.
Genauso wichtig ist die sparsame Produktion, die zwar längst ein Thema, oft aber nicht Realität ist. Betriebskooperationen, effektiver Maschineneinsatz und ein hohes Maß an Kostenbewusstsein können auch neue Möglichkeiten bieten, um mit dem, was derzeit unbezwingbar erscheint, zurecht zu kommen.

Zukunft gehört dem „Patchwork-Bauern“
Das Gesamteinkommen wird sich in Zukunft bei den meisten Betrieben noch viel mehr als bisher aus verschiedenen Einkommen zusammensetzen – aus der Landwirtschaft, aus dem Nebenerwerb, aus Vermietung. Der Kreativität des künftigen „Patchwork-Bauern“ sind keine Grenzen gesetzt. Die Herausforderung ist, den Betrieb in diesem Umfeld so zu organisieren, dass die Arbeit in Landwirtschaft bewältigbar ist und trotzdem etwas zum Gesamteinkommen beiträgt.
Darauf zu hoffen, dass die Landwirtschaft alles, was sich Bauern vom Leben wünschen, alleine trägt, ist wohl der falsche Weg. Die Illusionen mancher, die sich für große Bauern halten, sind nicht angebracht. Um von der Erzeugung von so simplen Produkten wie Getreide, Mais oder auch Zuckerrüben leben zu können, sind sie zu klein. Ob mit 50, mit 100 und mit 300 Hektar ist einerlei. Das kann man in aller Welt.
Sie sind daher gut beraten, jene vielen „kleinen Bauern“ zum Vorbild zu nehmen, die in der Vergangenheit mit ihren Ideen und ihrer Bereitschaft zu Veränderungen bewiesen haben, dass Größe kein Kriterium für Erfolg ist.
Gerade Getreidebauern sind da gefordert. Sie vergessen gerne, dass es in der Geschichte nur ganze zehn Jahre wirklich möglich war, auch unter österreichischen Verhältnissen von Weizen, Gerste und Mais alleine passabel leben zu können. Das war in den 1950er und 1960er Jahren. Vorher trugen Kühe und Schweine das nötige zum Einkommen bei, nachher brauchte es oft einen Nebenjob oder ein anderes Zusatzeinkommen.
Schade, denken sich immer noch die meisten. Aber schlecht ist daran nur, dass viele ihre Befindlichkeit immer noch an diesen paar Jahren zu Mitte des vorigen Jahrhunderts orientieren.
Leere Kilometer. Diese Zeit wird nicht wieder kommen.

Der Rückzug des einen ist die Chance des anderen
So schlecht, wie manche meinen, wird die Zukunft aber auch nicht.
Die Veränderung wird kontinuierlich sein. Das Tempo wird vielleicht höher als in den vergangenen 20 Jahren, weil der Generationswechsel in der Landwirtschaft eine andere Qualität bekommt. Dass die Höfe einfach weitergeführt werden, wird nicht mehr ganz so selbstverständlich sein. Die nächste Generation wird genauer abwägen – nicht nur wegen der Lage der Landwirtschaft, sondern auch, weil die Nachfolger meist einen anderen Beruf erlernt haben und oft kaum mehr die Zeit finden sich um Feld und Stall zu kümmern.
Diese Entwicklung, und das sollte man nicht vergessen, hat auch eine andere Seite: Sie bietet vielen Bauern als Pächter, Partner, Käufer oder Investor die Chancen, die sie brauchen.
Die Landwirtschaft muss sich ihrer Kraft bewusst werden. Die Bauern haben Grund und Boden und oft große Häuser - Kapital, aus dem man, bei allen Ungewissheiten und Unabwägbarkeiten in den traditionellen Produktionssparten, etwas machen kann.
Andere beneiden die Bauern darum.
Das sollte man nicht vergessen. Schließlich sehen sich ja viele gerne als Unternehmer.
Genau die sind in den nächsten 20 Jahren gefragt.

Mittwoch, 8. September 2010

Wenn die Suche nach Bedeutung mit Politik verwechselt wird





Die Vorgänge rund um die Tirol Milch rückten die Agrarpolitik in den Bundesländern wieder einmal ins Rampenlicht. Ohne darauf näher eingehen zu wollen, nur so viel: Ein Ruhmesblatt haben sie da nicht beschrieben. Nicht der Präsident der Tiroler Bauernkammer, schon gar nicht der Agrarlandesrat und erst recht nicht der Landeshauptmann, der sich zu allem Überfluss auch noch einmischte. Sie zeigten (wie übrigens auch die lokalen Wirtschaftskämmerer oder Politgrößen wie Fritz Dinkhauser) alle Eigenschaften, die man Provinzpolitikern gerne im Klischee zuschreibt - eitle Machtbesessenheit, Kirchturmdenken und eine Meinung, die sich verhält wie eine Fahne im Wind.

Zugegeben, Agrarpolitiker in der Provinz haben es nicht immer freudvoll. Landesräte nicht, Kammerpräsidenten und -sekretäre nicht und Bezirksbauernkammer-Obmänner und die vielen anderen, die sich in der agrarischen Vertretung tummeln, auch nicht. Brüssel ist weit, Wien auch. Und zu sagen hat man wenig. Der Spielraum ist klein. Viel kleiner, als man sich zugestehen mag. Und viel kleiner auch, als er zum oft allzu aufgeblasenen Ego eines Vertreters passt. Kein Wunder, dass sich da viele, ja die meisten schwer tun, ihre Rolle in diesem Gefüge zu finden. Merken soll das freilich niemand. Auch nicht, dass dabei Sinn und Zweck ihres Daseins oft längst verloren gegangen sind.

Getrieben von dem Versuch, sich zu inszenieren und Bedeutung zu geben, halten viele ihre heftige und beständige Arbeit am Bild des wackeren Bauernvertreters für Politik -eine schlichte Verwechslung, die sich zumeist in Ersatzhandlungen manifestiert, die bei den Bauern den Anschein erwecken sollen, man habe ja doch etwas zu sagen. Man fehlt bei keiner Veranstaltung und bei keiner Eröffnung. Und man produziert Presseaussendungen am laufenden Band, drängt sich vor jede Kamera und tut ohne Genierer so, als habe man das Ohr derer, die wirklich etwas zu sagen haben -dabei hat man oft gerade einmal den Sekretär des Sekretärs des Präsidenten oder Generaldirektors vorbeihuschen gesehen und ein beiläufiges Nicken erheischt.

Zumeist ist es nachgerade so, dass sich Eitelkeit und Anbiederung reziprok zur tatsächlichen Bedeutung verhalten, die mitunter direkt in schräge Absonderlichkeiten münden. Da leuchteten doch allen Ernstes vor nicht allzu langer Zeit von den schwarzen Socken eines Agrarlandesrates groß und in Weiß die Initialen seines Vor- und Zunamens. Noch schlimmer ist dann zuweilen nur noch, wenn sie das machen, von dem sie meinen, dass es Politik sei. Dann glauben sie in ihrer kleinen Welt alles, was sie für ein Register halten, ziehen zu müssen, stellen sich damit - siehe Tirol -noch mehr bloß und scha den, was noch schwerer wiegt, der Sache selbst.

Nur wenige der Politiker und Interessenvertreter in den Ländern verstehen es, den ihnen vorgegebenen Rahmen für die Landwirtschaft zu nutzen, für die Bauern Möglichkeiten zu eröffnen, intelligente und nachhaltige Projekte zu entwickeln oder gar politische Positionen über Landesgrenzen hinaus aufzubauen. Sie zeigen, was möglich ist. Und dass es möglich ist. Sie sind es wohl auch, die die Verantwortung tragen, wenn für die Bauern in den nächsten Monaten die Weichen für die künftige Agrarpolitik gestellt werden. Und nicht die Polterer, Schreier und Aussendungs-Schreiber. Die aber könnten das zumindest als Gelegenheit nehmen, wirklich Politik für die Bauern zu machen. Und nicht nur Politik für die Befriedigung ihrer Eitelkeiten.

Blick ins Land 6. September 2010

Freitag, 3. September 2010

Die Landwirtschaft weiß um ihre Schwächen




Das Agrarsystem wird in diesen Tagen unter seinem Wert geschlagen. Zu verbessern ist es dennoch.

Die Bauern sind in diesen Tagen wieder einmal das, was sie am wenigsten wollen. Sie sind zum Spielball geworden. Geldverschwendung, Absahnerei und Ineffizienz wird der Landwirtschaft vorgeworfen, das ganze Förderungssystem an den Pranger und als unsinnig hingestellt und eine Umverteilung der Mittel eingemahnt.

Mögliche negative und kontraproduktive Folgen solcher Forderungen werden freilich tunlichst nicht diskutiert. Die Fixierung der Strukturen gehören da genauso dazu wie ein Festhalten an einer oft ineffizienten und international nicht konkurrenzfähigen Landwirtschaft, die keinesfalls die Forderung der Gesellschaft nach preisgünstigen Lebensmitteln erfüllen kann. Erst recht wird nicht diskutiert, dass damit die Bauern in eine noch höhere Abhängigkeit von Fördergeldern geraten würden.

So schlecht, wie das Agrarsystem in diesen Tagen gemacht wird, ist es nicht. Bisher ist es gelungen, damit Österreich flächendeckend zu bewirtschaften. Die die Landschaft ist gepflegt und damit Kapital und Grundlage für einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Österreichs, den Fremdenverkehr. Landwirtschaft wird im Vergleich zu anderen Ländern mit relativ bescheidener Intensität betrieben, der Anteil von Biolandwirtschaft ist sehr hoch. Die Bauern schafften es, das kleine Österreich bei Nahrungsmitteln zum größten Teil zum Selbstversorger zu machen. Mehr noch: der Lebensmittelexport ist längst eine der wichtigsten Stützen des Außenhandels.
Das fein ziselierte System mit seiner Vielzahl an Programmen und Förderungen sorgte bisher auch dafür, dass in Österreichs Landwirtschaft die Strukturen mit einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 20 Hektar, zehn Kühen und 40 Schweinen im internationalen Vergleich noch sehr bäuerlich sind - allem Druck der Märkte zum Trotz.
All das ist freilich kein Grund, dieses System nicht zu ändern und nicht weiter zu entwickeln. Es gibt Schwächen, es gibt Ungerechtigkeiten bei den Förderungen, und es gibt Anpassungsbedarf bei den Ausgleichszahlungen, die zuweilen absurde Höhen erreichen.
Das weiß man in der Landwirtschaft. Die geplanten Einsparungen im heimischen Budget und die geplante EU-Agrarreform verlangen den Bauern enorme Anpassungen ab.
Sie wollen aber eine kontinuierliche Entwicklung und nicht, dass das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird.

Salzburger Nachrichten / Seite 1 - 4. September 2010

Die Bauern gehen in die Gegenoffensive





Bauern schlagen gegen das „Schwarzbuch“ raue Töne an.


Hans Gmeiner Wels (SN). Die Vertreter der heimischen Agrarpolitik ringen um ihre Contenance. Das am Montag präsentierte „Schwarzbuch Landwirtschaft“, das sich mit dem heimischen Agrarsystem auseinandersetzt, zerrt an ihren Nerven. „Unterste Schublade“, sagen sie. Da darf man auch in eben jene greifen, dürfte sich am Donnerstag wohl Bauerbundpräsident Fritz Grillitsch bei einem Pressegespräch auf der Landwirtschaftsmesse Agraria in Wels gedacht haben: „Da wird die Landwirtschaft als mafiös dargestellt, von einem Kriminellen, der selbst vorbestraft ist“, ließ er seinem Groll gegen den Autor des „Schwarzbuchs“, Hans Weiss, freien Lauf. Grillitsch hat diese Anwürfe in vollem Bewusstsein gemacht. Sollte er selbst geklagt werden, wolle er sich von seiner Immunität als parlamentarischer Abgeordneter entbinden lassen, sagte er. Gegen das Buch werde es jedenfalls Klagen geben, kündigte der Bauernbundpräsident an.

Der neben Grillitsch sitzende Agrarminister Niki Berlakovich will sich aus solchen Scharmützeln heraushalten und, wie er als Hobbyfußballer formuliert, „den Ball flach spielen. Die Diskussion über Agrarzahlungen wird zu führen sein, so wie in allen Bereichen“, versucht er jeden Verdacht zu vermeiden, dass er mauert. „Man soll aber die Kirche im Dorf lassen.“ Es geht um 2,2 Milliarden Die Diskussion um das Agrarsystem nahm in den Tagen seit der Veröffentlichung teils skurrile Formen an. Im Mittelpunkt stehen die rund 2,2 Mrd. Euro, die jährlich aus den Budgets von EU, Bund und Ländern an die Bauern, die Agrarverwaltung, Verbände, in das Schulwesen, aber auch in Bereiche wie Hochwasserschutz oder Lawinenverbauung fließen.

Vorschläge, Vorwürfe und Zahlen wurden von verschiedensten Seiten lanciert, die allesamt nicht zusammenpassten. Mit einem Mal standen sogar die Förderungen für Nebenerwerbsbauern zur Diskussion. Der ehemalige Agrarkommissar Franz Fischler hatte auf die Möglichkeit verwiesen, Bauern, die nicht ausschließlich von der Landwirtschaft lebten, von den Fördertöpfen auszuschließen. „Damit würde man erst recht industrielle Agrarstrukturen fördern und ganz sicher nicht den kleinen Bauern“, kam der Konter aus Agrarkreisen schnell. Bei Nebenerwerbsbauern handle es sich vor allem um kleine Bauern, deren Hof nicht genug trage. Inzwischen hat Fischler seine Forderung auf „sehr reiche Hobbybauern“ beschränkt.

Die Bauernvertreter haben alle Mühe in diesem Umfeld ihren Argumenten Gehör zu verschaffen. Gebetsmühlenartig kommen Erklärungen wie „es stehen überall Leistungen dahinter“, „bei der Milchkrise im Vorjahr hätte es ohne Förderungen ein riesiges Bauernsterben gegeben“, „wir können beweisen, dass kleinen Bauern geholfen wird“, „es gibt Einschleifregelungen bei hohen Förderungen“ und „das schöne Österreich gibt es nicht zum Nulltarif“.

„Die Fakten sagen, dass wir eine sehr gute Agrarpolitik machen“, meint Landwirtschaftskammerpräsident Gerhard Wlodkowksi. Freilich müsse sie weiter verbessert werden.

Daran versucht man zu arbeiten. „Wir wollen eine vernünftige Entwicklung“, sagt Berlakovich. Muckte er im Frühjahr noch gegen die Budget-Sparpläne seines Vorgängers Josef Pröll auf, so sagt er jetzt: „Die Landwirtschaft wird ihren Beitrag leisten.“ Dabei soll aber nicht in die Zahlungen der Bauern eingegriffen werden. „Wir wollen weiter jeden möglichen Euro aus Brüssel holen und alle Programme ausfinanzieren.“

Wo gespart werden wird, wollte er freilich nicht sagen. Als am wahrscheinlichsten gelten Kürzungen in Bereichen wie Hochwasser- oder Lawinenschutz. Sie zählen nicht zum Kern des Ressorts und es muss nicht in laufende Verpflichtungen eingegriffen werden, sondern man kann durch die Verschiebung von Projekten Geld freimachen.

Obergrenzen für Förderungen will der Minister im Zuge der EU-Agrarreform 2014 durchsetzen. Damit freilich sind schon Wilhelm Molterer und Franz Fischler gescheitert. Ausgerechnet die Sozialdemokraten Tony Blair und Gerhard Schröder kippten bei der letzten Agrarreform die vorgesehene 300.000-Euro-Grenze.


Salzburger Nachrichten Wirtschaft / 03.September 2010

Dienstag, 31. August 2010

Bauernförderungen im Visier




HANS GMEINER Salzburg (SN). Vor fast 30 Jahren nahm er als Co-Autor des Werks „Bittere Pillen“ die Pharmaindustrie ins Visier. Später sorgte er mit Büchern mit Titeln wie „Schwarzbuch Markenfirmen“ oder „Korrupte Medizin“ für Aufsehen. Nun nimmt der Autor Hans Weiss mit dem „Schwarzbuch Landwirtschaft“, das am Montag präsentiert wurde, die heimischen Bauern und die Agrarwirtschaft unter die Lupe. Flapsig zuweilen, plakativ, mit vielen Zahlen und mit starken Worten. „Steueroasen“ sieht er in vielen Agrarbetrieben, „Subventionswahnsinn“ wittert er hinter den Ausgleichszahlungen, und in Tirol sind ihm „illegale Landverschiebungen“ ein Dorn im Auge. Raiffeisen wird als alles beherrschender Moloch gezeichnet und unter dem Titel „Süße Reformen“ eine „achtfache Förderung von Zucker“ angeprangert. Es fehlt auch nicht der Satz, dass Großbauern und Agrarkonzerne immer größer werden, während die Kleinen zusperren müssten – ganz so, als ob Agrarpolitik Sozialpolitik wäre und Markt und Gesellschaft nicht nach möglichst billigen Agrarprodukten verlangten.
Sechs von zehn der reichsten Österreicher erhielten Agrarsubventionen, kritisiert Weiss und nennt Namen wie Meinl, Mateschitz, Porsche oder Swarovski. Andererseits missfällt ihm, dass seinen Recherchen zufolge 98 Prozent aller österreichischen Bauern von der Einkommenssteuer befreit sind. Auch Grundsteuern, Pensions- und Krankenkassenbeiträge hätten keinen Bezug zum realen Wert der Grundstücke und dem realen Einkommen. Seine Forderungen daher: Begrenzung der Subventionen pro Bauer auf 25.000 Euro, keine Gelder mehr für Privatstiftungen und keine Agrarförderungen für Personen, die mehr als 57.000 Euro pro Jahr verdienen.

Weiss weiß, wo die Bauern besonders
empfindlich sind. Drei Arbeitnehmer finanzierten einen Bauern, rechnet er vor. Damit bringt er die Landwirte und ihre Vertreter in Rage. „Das ist nachweislich konstruiert“, kontert Bauernbundpräsident Fritz Grillitsch. „Es ist die übliche Hetze, die schon mehrere Monate gegen die Bauern gefahren wird.“ Ohne Agrarsubventionen würden Lebensmittel ein Vielfaches kosten, sagt Grillitsch. „Wenn ein sogenanntes Sachbuch mit dermaßen unsachlichen und tendenziösen Darstellungen daherkommt, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Parteipropaganda handelt“, vermutet er unlautere Absichten hinter der Veröffentlichung.

Salzburger Nachrichten Wirtschaft/31. August 2010

Dienstag, 17. August 2010

Bauern wurden zu Knechten Mammons gemacht





Die hohe Abhängigkeit von Förderungen macht die Bauern zum politischen Spielball.

Gern versuchen vorzugsweise Menschen, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun haben, die Bauern gegeneinander auszuspielen.
Die so beliebte wie falsche Methode dabei, der sich zuletzt auch Staatssekretär Schieder bediente: Man verwechselt Agrar- mit Sozialpolitik, mischt reichlich vorhandene Zahlen durcheinander und heizt die Diskussion Groß gegen Klein an. Dabei hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Gelder aus den Agrartöpfen gibt es als Unterstützung auf Märkten, die geöffnet wurden zur Förderung von Bewirtschaftsformen, als Entschädigung für Bewirtschaftungserschwernisse und für Umweltprogramme. Aber nicht aus sozialen Gründen wie Bedürftigkeit oder Notsituationen.

Dass rund 40 Prozent der Bauern weniger als 5000 Euro an Förderungen bekommen, hat daher weit weniger mit einer ungerechten Geldverteilung, als mit den hierzulande vorherrschenden kleinen Betriebsgrößen zu tun.

Keine Frage – in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten haben sich die Grundlagen für das derzeitige Förder system verschoben. Sie gehören angepasst, die Ungerechtigkeiten beseitigt. Das birgt Sprengstoff genug. Billige politische Polemik ist da wenig hilfreich, sondern macht den Bauern eher Angst, führt sie ihnen doch deutlich vor Augen, dass sie vom System längst zu Knechten des Mammons gemacht wurden.

„Wir wollen gar keine Förderungen“, sagen sie. „Wir wollen gute Preise“. Aber die Aussichten darauf sind wohl noch geringer als auf ausreichende Förderungen.


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 17. August 2010

Fördersystem zwingt Bauern an den Tropf




Das Fördersystem brachte die Bauern in Abhängigkeiten. Die Gelder für große Bauern sind dabei das geringste Problem.

Hans Gmeiner Salzburg (SN). Die Gesellschaft verlangt nach billigen Lebensmitteln und schätzt die Erhaltung und Pflege von Landschaft und Umwelt. Dafür ist man auch bereit, der Landwirtschaft hohe Summen zu zahlen. Für die Bauern hat das aber auch eine Kehrseite. Längst sind sie abhängig vom guten Willen der Politik und öffentlichen Geldern. Der Anteil der Ausgleichszahlungen und Förderungen am Einkommen der Bauern liegt inzwischen zumeist weit jenseits der 50-Prozent-Marke.
Gut 2,2 Mrd. Euro macht derzeit das Agrarbudget aus. 58 Prozent davon kommen aus Brüssel, 20 Prozent aus dem Bundesbudget und 22 Prozent von den Ländern. Rund 1,6 Milliarden davon fließen direkt an die Bauern. Nicht nur die Summe selbst, sondern auch die Verteilung dieser Mittel sorgt nicht nur innerhalb der Landwirtschaft, sondern auch außerhalb immer wieder für heftige Diskussionen. Wunder ist das keines, gehen doch die Förderungssummen bei Großbetrieben wie der Stiftung Fürst Liechtenstein oder bei der hardeggschen Gutsverwaltung über eine Million Euro hinaus, während der durchschnittliche Bauer mit rund 11.000 Euro und fast 40 Prozent mit weniger als 5000 Euro auskommen müssen.

Die hohen Summen und die großen Unterscheide haben zwei Gründe. Zum einen ging es Österreich bei der Umsetzung von EU-Agrarreformen immer darum, den Einkommensverlust für den einzelnen Bauern möglichst gering zu halten. Darum bilden die heutigen Förderungen immer noch sehr stark die Einkommens- und Marktverhältnisse aus der Vor-EU-Zeit der frühen 1990er-Jahren ab. Bei der Agrarreform 2014 wird dieses „historische Modell“ aber fallen.

Zum anderen ist das Fördersystem derzeit sehr flächenorientiert. Das ist vor allem bei den Umweltprogrammen stark spürbar. Verzicht auf bestimmte Dünger oder Spritzmittel und ähnliche Maßnahmen, die Ertragseinbußen mit sich bringen, werden etwa pro Hektar abgegolten. Mehr Hektar bedeutet daher mehr Ausgleichszahlungen. Der Wert der Maßnahme ist schließlich der gleiche – ob bei einem großen oder einem kleinen Betrieb.

Vor diesem Hintergrund ist nicht verwunderlich, dass die Verteilung der Mittel zwar mit der Verteilung der Flächen im Großen und Ganzen übereinstimmt (zwischen 600 und 700 Euro je Hektar), nicht aber mit der Zahl der Betriebe. Weil in Österreich die Hälfte der Bauernhöfe über weniger als fünf Hektar verfügt, ist es nur logisch, dass der Großteil der Bauern weniger als 5000 Euro an Förderungen bekommt. Bei den Großbauern ist es genau umgekehrt. Die rund 240 Betriebe, die mehr als 100.000 Euro bekommen, sind nicht einmal 0,2 Prozent der Agrarbetriebe. Sie bewirtschaften aber 3,2 Prozent der Agrarfläche und erhalten 2,9 Prozent der Fördermittel – das sind 44 Mill. Euro.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 17. August 2010

Samstag, 14. August 2010

Der Handel füllt das agrarpolitische Vakuum





Die Landwirtschaft reibt sich seit Jahren mit Inbrunst so hilf- wie erfolglos am heimischen Handel. Konkurrenzkampf auf dem Rücken und vor allem auf Kosten der Bauern wird Spar, Billa, Hofer und Co vorgeworfen, Preisdrückerei und vieles andere mehr, was schlagzeilenträchtig daherkommt, Aktivität signalisiert und manchen Bauernvertreter als Robin Hood erscheinen lässt.

Da ist fraglos was dran, aber über das Thema, um das es hinter all dem Gerangel und all den Scharmützeln gehen müsste, redet man, so scheint es, lieber nicht - der Handel ist dabei, sich die Agrarpolitik und Landwirtschaft selbst zu machen. Die Handelskonzerne sind es heute, die in vielen Bereichen der Landwirtschaft den Takt vorgeben. Von ihnen kommen die Ideen für Produkte und Märkte und sie verschaffen den Bauern neue Produktionsmöglichkeiten und Einkommen.

Die Agrarpolitik selbst, zu deren ureigensten Aufgaben das eigentlich zählt, hat da wenig zu bieten. Verfangen ist man in der Verwaltung und Verteidigung von in der Vergangenheit für die Bauern gesicherten Ansprüchen und Geldmitteln und oft beschäftigt mit sich selbst. In die Zukunft schaut man allenfalls mit Sorge, als Chance mag man sie selten begreifen. Dabei hat man in vielen Bereichen, so wirken jedenfalls die Dinge zuweilen, die Überfuhr verpasst. Es fehlt an Ideen, der Kontakt zu Markt und Konsumenten ist oftmals verloren gegangen.

Die Handelskonzerne füllten dieses Vakuum. Das meiste, was in der Landwirtschaft neu ist, kommt heute von dort. Vom Handel geht die Initiative für neue Rezepturen, für neue Produkte und für die Entwicklung neuer Marktchancen aus. Dass viele heimische Verarbeiter auch nicht zu denen zählen, die sich über die Entwicklung neuer Produkte definieren, spielt da dem Handel nur in die Hände. Die Landwirtschaft ist da aus dem Spiel geraten und scheint kaum mehr Karten im Talon zu haben. Die Macht liegt längst beim Handel. Und der ist dabei, sich die Landwirtschaft herzurichten, wie er sie will.

Beispiele dafür gibt es genug. Das beginnt bei den Eigenmarken und geht hin bis zu den Vertragsproduktionen der großen Handelskonzerne. Billa öffnete mit "Ja! Natürlich" den Markt für Bioprodukte, Hofer sorgte dafür, dass die Steigerung der Bioproduktion wenigstens bei Milch und anderen Produkten nicht in einem solchen Desaster wie bei Biogetreide endete - schließlich wurde da wie dort fernab des Marktes einfach drauflos produziert. In mancher Vorstandsetage wird sogar darüber nachgedacht, da und dort selbst in die Produktion einzusteigen, wenn die Bauern nicht das Gewünschte liefern.

Gemeinsam ist allen, dass sie sich ihre Regeln abseits des Verwaltungs- und Kontrollsystems selber machen und so ihre eigene Welt mit ihren eigenen Spielregeln gestalten.

Freilich: Die Bauern fahren nicht schlecht damit. Praktisch alle Handelsketten bekennen sich zu österreichischen Produkten und machen damit Markt für Österreichs Bauern. Und angesichts des Erfolges schaut die Agrarpolitik mit ihren Forderungen und Anwürfen meistens ziemlich alt aus.

Gesund ist diese Entwicklung indes dennoch nicht. In Handelskonzernen haben die Bauern nichts mitzureden. Schnell können sie dabei vom Marktteilnehmer zu bloßen Lieferanten werden. Um in der Produktionskette nicht wirklich endgültig ein unbedeutendes Glied zu werden, muss die Landwirtschaft ihr Verhältnis zum Handel möglichst schnell neu definieren. Auch wenn das nicht einfach sein dürfte - die Möglichkeiten sind groß. Und sie müssen genutzt werden.

Blick ins Land - 13. August 2010

Donnerstag, 12. August 2010

Der Sommer, die Schlange, das Kaninchen und die Krux





Österreichs Landwirtschaft im Sommer 2010: In Brüssel wird an einer Agrarreform gebastelt, die den heimischen Bauern nicht viel Gutes verheißt. Hierzulande ist die Landwirtschaft angesichts der Budgetnöte in das Zentrum eines dräuenden Verteilungskampfes geraten und zum politischen Spielball geworden. Man trachtet den Bauern nicht nur nach den Förderungen, sondern will ihnen auch höhere Steuerleistungen abverlangen. Und dazu die Preise für Agrarprodukte, die sich nicht und nicht erholen wollen und die Einkommen entsprechend gedrückt halten. Ein Minus von 28 Prozent gegenüber 2008 weist der Grüne Bericht für 2009 aus. Einen derartigen Rückschlag gab es noch nie.

„Es regnet überall herein“ pflegt man solche Situationen auf dem Land üblicherweise zu beschreiben. Nicht zu unrecht.

Die Landwirtschaft ist gefordert. Und sie tut sich ziemlich schwer damit, war man doch in den vergangenen Jahren so etwas wie politisches Liebkind der Nation, ja sogar ein bisschen verhätschelt – vom Politmarketing als brave Landschaftserhalter, tüchtige Umweltpfleger, ehrliche Nahrungsmittelerzeuger gezeichnete Bauern, denen man nichts verwehren wollte, hatten sie es auf den Märkte ohnehin schwer.

Das scheint angesichts der leeren öffentlichen Kassen und der Begehrlichkeiten rundum inzwischen anders zu sein. Es ist nicht zu verkennen, dass die Stimmung für die Bauern labil geworden ist. Bioschwindel, Schummelkäse, Listerienquargel, falsch deklarierte Eier, aber auch die Preissprünge vor zwei Jahren tun das ihre dazu.

Das heile Bild von der heimischen Landwirtschaft hat einige Kratzer.

Auf einmal gibt es wieder klassenkämpferische Töne gegen die Bauern. Selbst im eigenen Lager sind die Risse im einst unerschütterlichen Fundament nicht zu übersehen. Da holen sich die Bauern etwa bei ihren eigenen Leuten Abfuhren, die es bisher kaum gab.

In Sachen Budget-Sparvorgaben etwa nutzte ihnen der Hinweis darauf, dass die Gelder aus Brüssel zu Unrecht in die Ausgangsbasis hineingerechnet wurden wenig, der Finanzminister zwang aufmuckende Funktionäre zum Kotau. Und beim Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien ließ der Wirtschaftsminister den Landwirtschafts- und Umweltminister gleich völlig vor der Tür stehen.

Den Bauern und ihren Vertretern ist dazu noch nicht viel eingefallen. Nicht zu dem, was aus Brüssel zu hören ist und nicht zu dem, was sich hierzulande zusammenzubrauen scheint. Was bisher zu sehen ist, ist sehr herkömmlich. Starke Worte allenfalls, aber wenig Wirkung.

Diskussion, Forderungen und Vorschläge lassen oft jeden Bezug zur politischen Realität und dem, was sie zu bringen droht, vermissen. Man tut, als bliebe alles beim Alten und übersieht, dass man dabei in einem Sandkasten spielt.

Die Agrarier gehen mit der Zukunft defensiv um. Aus Gewohnheit, aus Angst, aus Unfähigkeit. Man jammert, schimpft und leidet. Man klammert allerorten – wortreich, seitenweise und ellenlang und vor allem mit dem immer gleichen Tenor: „Die Bauern brauchen jeden Euro, ohne Geld keine Zukunft“.

Aber ist nicht das, was man jetzt verteidigt, genau das, wovor man noch vor der letzten Agrarreform, vor dem EU-Beitritt und noch früher eindringlich warnte? Übrigens mit den gleichen Argumenten wie diesmal.

Nun ist schon klar, dass man nicht von vorneherein klein beigeben muss, aber so toll war all das, was dank all des Geldes bisher war, auch nicht. Der Strukturwandel ist trotz all der Gelder, die in die Landwirtschaft fließen, ziemlich ungebremst. Die Bauern sind alles andere als zufrieden und die Landwirtschaft kein florierender Wirtschaftszweig.

Man kann freilich einwenden, dass die Agrarier aus ihrer Sicht mit dieser Strategie im Vergleich zu anderen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten durchaus erfolgreich waren. Nur – und da ist man sich ziemlich einig – diesmal dürfte es wirklich anders kommen. „Bisher haben wir alles mit Geld lösen können“, gibt man hinter vorgehaltener Hand zu. „Das wird diesmal nicht mehr gehen“.

Damit ist klar: Die Bauern müssen sich warm anziehen, um in dem rauen Klima bestehen zu können, das da auf sie zukommt. Denn, und das macht es besonders schwierig, dieses Klima wird nicht nur für sie, sondern für alle Gesellschaftsgruppen rau.

Es wird mühsam für die Bauern, die sich nach Kontinuität sehnen, die sich immer noch für etwas Besonders im gesellschaftlichen Gefüge halten und die sich immer noch sehr schwer tun mit ihrem Unternehmerbild. Immer noch leben viele die Illusion vom freischaffenden Bauern und fordern gleichzeitig mit der Vollkaskomentalität eines Gewerkschafters Schutz und Unterstützung vor allen Unbilden des Marktes.

Das mag verständlich sein, richtig ist es nicht, wie das Kaninchen beim Blick auf die Schlange zu erstarren. Es wird nicht für alle weitergehen, keine Frage, aber es kann für viele weitergehen. Und denen, die das so sehen, muss man Hilfestellungen bieten. Berlakovichs Offensive unter dem Namen „Landwirtschaft 2020“ könnte eine solche sein. Die bäuerliche Öffentlichkeit freilich steht ihr reserviert gegenüber. „Das kennen wir ja alles schon“, heißt es an den Stammtischen. „Was soll das bringen?“

Man kann dem auch Zuversicht abgewinnen. Denn so redete man schon immer. Was hat es nicht, um nur zwei Beispiele zu nehmen, für Widerstände gegen Bio und den Feinkostladen Europas gegeben, wie viel Häme, wieviel Unkenrufe? Heute sind es, sieht man von den aktuellen Problemen der Biogetreidebauern ab, Erfolgsstories, die vielen Bauern jene Zukunft gaben, von der man an den Stammtischen glaubte, dass es sie nicht gäbe.

Zwei Beispiele, die nach Nachfolgern verlangen. Etwas Ähnliches dieser Qualität und Tragfähigkeit ist freilich nicht in Sicht, ja nicht einmal in Diskussion. Das aber, und nicht die Gefahr, dass es weniger Geld geben wird, ist die eigentliche Krux für die heimische Landwirtschaft.

Raiffeisenzeitung - Gastkommentar - 12. August 2010
 
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