Montag, 28. Dezember 2009

Zukunft wird nicht besser





HANS GMEINER

Heuer rutschten die Agrarpreise so weit nach unten, dass die Bauern praktisch nur mehr von den Ausgleichszahlungen leben müssen, weil ihnen nichts mehr bleibt. Dabei sind ihnen die – viele mögen das wohl nicht glauben – eigentlich zutiefst zuwider. Gute Preise für ihre Produkte wären den Bauern viel lieber.
Das aber spielt es nicht. Stattdessen fahren die Preise Achterbahn, wächst der Druck auf den Märkten, werden die Preisschlachten im Handel immer heftiger, wird das Verhalten der Konsumenten immer unberechenbarer.

Die Gesellschaft tickt anders als die Landwirtschaft das gern hätte. Zwar wünschen sich die Menschen kleine Höfe, umweltschonende Bewirtschaftung, kurzum: alles ein bisschen wie im Schrebergarten. Gleichzeitig jagt man aber die Bauern mit Preisvergleichen vor sich her, greift zu Billigmarken, wo immer es geht, und weigert sich, darüber nachzudenken, ob das alles zusammenpassen und sich ausgehen kann.

Die Bauern kommen mit diesen Tatsachen kaum mehr zurecht. Leisten können sie sich das freilich nicht. Denn es wird in Zukunft kaum anders werden. Und schon gar nicht besser.

Die Bauern müssen daher, so schwierig und schmerzhaft es auch sein mag, möglichst rasch lernen, mit diesen Verhältnissen zu leben. Sie müssen dabei zwar immer wieder von der Gesellschaft Verständnis einfordern, aber sie dürfen sich nicht drauf verlassen.

Genau das aber tun derzeit viele. Sie werden wohl bald verlassen sein. Denn die Realität ist anders.


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 28. 12. 2009

Schwarzes Jahr für die Bauern





Die Bauern lebten heuer von den Förderungen. In der Landwirtschaft blieb wegen der schlechten Preise nichts übrig.


HANS GMEINER Salzburg (SN). 25 Cent für ein Kilogramm Milch statt 40 und mehr im Jahr zuvor, 10 Cent für ein Kilogramm Weizen statt 16, und gar nur sechs Cent für ein Kilogramm Mais, statt früher zumindest 10 Cent – dass ihre Lage alles andere als gut ist, wissen die Bauern schon seit Monaten. Nun haben sie es schwarz auf weiß. Nach ersten Schätzungen war das Jahr 2009 für die Landwirte das schlechteste Jahr seit Langem. Kaum je zuvor gab es einen derart starken Einkommensrückgang. Im Schnitt, so die vorläufige Berechnung von Statistik Austria, fielen die Agrareinkommen je Arbeitskraft heuer gegenüber 2008 um 20,5 Prozent. Sie sind damit fast so niedrig, wie zu Beginn dieses Jahrzehnts. Aus der Landwirtschaft war damit heuer praktisch kaum etwas zu erwirtschaften, die Bauern mussten de facto von den Förderungen leben.

Heftig waren heuer vor allem die Einbußen für die Milchbauern. Der bis zum Sommer schier ungebremste Preisverfall bescherte ihnen ein Einkommensminus von 25 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Jahr. Noch schlimmer erwischte es die Getreidebauern. Wegen der starken Preisrückgänge und der im Vergleich zu 2007 niedrigeren Ernte mussten sie gar Einbußen in der Höhe von 29,1 Prozent hinnehmen. Die Rinder- und Schweinemäster kamen mit einem Minus von 6,2 bzw. 2,8 Prozent noch vergleichsweise glimpflich davon.

Den Bauern in den anderen EU-Staaten ging es kaum besser. Nach Schätzungen von Eurostat ist heuer das Bauerneinkommen in 22 der 27 EU-Staaten gesunken. Mit einem Rückgang von rund einem Fünftel freilich gehört Österreich gemeinsam mit Ungarn (minus 35,6 Prozent), Italien (minus 25,3), Luxemburg (minus 25,1), der Tschechischen Republik (minus 24,1), Irland (minus 22,3) und Deutschland (minus 21,0) zum schlechtesten Drittel. Die größten Zuwächse gab es übrigens in Großbritannien (14,3 Prozent), Malta (9,1) und Finnland (2,6). Insgesamt betrug der Rückgang im EU-Durchschnitt 12,2 Prozent.

Um wie viel Geld den Bauern heuer tatsächlich weniger in der Brieftasche bleibt, ist freilich schwer zu sagen, weil die Methoden der Darstellung der Einkommensentwicklung zwischen Statistik Austria (beruht auf Schätzungen und ist nicht betriebsbezogen) und dem Grünen Bericht (beruht auf Buchführungsergebnissen) abweichen. Nimmt man die Zahlen von Statistik Austria als Richtwert, ist davon auszugehen, dass einem durchschnittlichen Bauernbetrieb heuer gegenüber dem Vorjahr rund 4500 Euro fehlen. Statt etwa rund 22.200 Euro wird das durchschnittliche landwirtschaftliche Einkommen je Betrieb inklusive Förderungen heuer nur rund 17.800 Euro betragen. Das bedeutet, dass den Bauern aus der Bewirtschaftung von Feldern und Ställen praktisch nichts blieb. Denn diese Summe entspricht (bei aller Ungenauigkeit solcher Vergleiche) ungefähr dem, was im Schnitt laut Grünem Bericht jährlich als Betriebs- und Tierprämien, Umweltgelder und andere Zuschüsse an einen Betrieb fließt.

Kein Wunder, dass den Agrariern angesichts der in der EU diskutierten Kürzung der Mittel für die Landwirtschaft bange wird. „Die Zahlen untermauern drastisch unsere Forderung, nicht über Agrarbudgetkürzungen die finanzielle Basis der Landwirtschaftspolitik auszuhöhlen“, warnt Bauernkammerpräsident Gerhard Wlodkowski. Und Landwirtschaftminister Niki Berlakovich betont: „In Zeiten der Krise zeigt sich, wie wichtig eine starke gemeinsame Agrarpolitik ist.“


Wirtschaft / 28.12.2009 / Print

Montag, 21. Dezember 2009

Bauern geraten in ein Dilemma





Dass Österreichs Bauern in der EU schon jetzt Umwelt-Musterschüler sind, kann ihnen in Zukunft schaden.


HANS GMEINER Brüssel (SN). Umweltauflagen und Umweltmaßnahmen werden für die Bauern in Zukunft noch bedeutender werden als bisher. Denn künftig soll die EU-Agrarpolitik die Vergabe von Mitteln stärker an die Einhaltung von Umweltvorschriften binden – so zumindest der derzeitige Stand der Diskussion über die Gestaltung der Agrarpolitik nach 2013. Statt allgemeiner Betriebsprämien, die man kürzen will, sollen für die Bauern Prämien für die Teilnahme an Umweltprogrammen als Einkommensbestandteil eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher.

Österreichs Bauern könnte das besonders unter Druck bringen. Während für die Bauern in den meisten anderen EU-Staaten der Einstieg in Umweltprogramme und andere Maßnahmen im Bereich Ländliche Entwicklung die Möglichkeit bietet, Einbußen bei den Betriebsprämien und damit beim Einkommen auszugleichen, tun sich Österreichs Bauern schwer damit. Denn sie gelten schon jetzt als EU-Musterschüler, was Umfang und Nutzung von Umweltprogrammen und Mitteln aus dem Titel Ländliche Entwicklung anlangt. Was nun in Brüssel diskutiert wird, ist bereits seit Jahren Kurs der heimischen Agrarpolitik. Entsprechend schwierig ist eine weitere Ausweitung.

Während EU-weit derzeit nur 21 Prozent der Agrarausgaben auf die Ländliche Entwicklung und damit auch auf Umweltmaßnahmen entfallen, ist das Verhältnis in Österreich traditionell seit Langem nahezu umgekehrt. Unter Berücksichtigung der Beiträge der Bundesländer liegt bei uns der Anteil der Ausgaben für Agrarumweltprogramme, Bergbauernzuschüsse und Investitionsförderungen für Projekte im ländlichen Raum bei 68 Prozent (von Gesamtmitteln in der Höhe von knapp 1,8 Mrd. Euro). Das ist, was den prozentuellen Anteil betrifft, europaweit ein Rekordwert.

Zwischen 30 Maßnahmen können die Bauern wählen. Der Bogen reicht von Biolandwirtschaft über Maßnahmen zur Düngerbeschränkung bis zu speziellen Tierhaltungsformen. Auch wenn die Bauern über die Auflagen und die damit verbundene Bürokratie mitunter laut klagen, nutzen sie das Angebot. 120.000 Landwirte nehmen an diesen Programm teil.

Der Spielraum, dieses Einkommensstandbein auszubauen, ist denkbar gering, zumal große Posten wie die Bergbauernzuschüsse schon jetzt außer Streit gestellt sind. In Brüssel weiß man um das Dilemma, auf das Österreich zusteuert. „Die Anforderungen an die Bauern sind sehr hoch und die Frage ist, wie weit man noch gehen kann“, sagt der gebürtige Steirer Peter Kaltenegger von der Generaldirektion Landwirtschaft in der EU-Kommission. „Wir wollen ja, dass die Landwirte mitmachen, um unsere Ziele etwa auch im Bereich Umwelt zu erreichen.“

Der Druck ist auch in Brüssel groß. „Es gibt momentan eine sehr ungute Orientierung der Umweltdiskussion in Richtung Schutz von Boden, Wasser und Luft“, befindet Martin Scheele, in der Generaldirektion Landwirtschaft für die Themen Umwelt, GVO und genetische Ressourcen zuständig. Er befürchtet, dass dabei das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird. „Wir müssen uns auf widrigere Verhältnisse einstellen“.

Was wirklich kommt, weiß freilich noch niemand. „Die Zukunft steht in den Sternen“, sagt Kaltenegger. Dass der Ende Jänner ins Amt kommende neue Agrarkommissar aus Rumänien, Dacian Ciolos, die laufende Diskussion großartig umdrehen wird, gilt als unwahrscheinlich. Aber immerhin redet in Zukunft wieder ein Österreicher ganz oben mit: Ciolos holte mit Georg Häusler einen Österreicher als Kabinettschef.


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Donnerstag, 3. Dezember 2009

Von den hinterfotzigen Geißeln der Landwirtschaft





Die Prospekte glänzen, dass es eine Freude ist. Die Bilder könnten brillanter nicht sein. Alles vom Feinsten, versprechen die Texte, vom Stärksten sowieso und vom Wendigsten und vom Zuverlässigsten. Neueste Elektronik. Alles noch einfacher, noch angenehmer. Kurzum - noch toller. Die Traktoren, die Mähdrescher, die Pflüge, die Anhänger, die Grubber, die Ladewagen, die Melkanlagen, die Stalleinrichtungen.

Beeindruckend? Ja eh - wenn da nicht überall so ein paar kleine Dinge wären, die täglich an den bäuerlichen Nerven zerren und die Freude an den technischen Tausendsassas vermiesen können. Denn immer noch gibts bei aller Finesse, die Konstrukteure auf Design, Verbrauch und Ergonomie anwenden, Bereiche, die sich beharrlich allem Fortschritt zu entziehen scheinen.

Nachlässigkeit bei der Planung und Konzeption, Ideenlosigkeit gar sind noch die geringsten Vorwürfe. Wen jemals eine Ladung kaltes Wasser mitten im Gesicht getroffen hat, nur weil er mit dem Strahl des Hochdruckreinigers eine versteckte Kante übersehen hat, der denkt sehr schnell eher an Bosheit.

Das tut auch der, der mit Eselsgeduld und größter Genauigkeit Traktor und Gerät abspritzt - nur um dann, wenn er glaubt, es geschafft zu haben, erst recht feststellen muss, dass da immer noch ein paar versteckte Winkel sind, in der es sich Erdklumpen gemütlich gemacht haben. Und aus denen rinnt immer die braune Brühe über den glänzenden Lack und macht all die Arbeit zunichte.

Richtig gemein kann es werden, wenn man, wie etwa bei einem Mähdrescher, dem Staub mit einem Kompressor zu Leibe rückt. Die Ecken, Kanten, Nischen an so einem Ding sind gar nicht zu zählen. Und natürlich gar nicht alle zu sehen. Aber sehr schnell zu spüren - der Staub ist dann überall. In den Augen, unter der Jacke, ja sogar unter dem Hemd. Da kommt Freude auf.Die kommt mitunter auch auf, wenn man Schmiernippel sucht. Nur selten sind sie dort, wo sie leicht erreichbar wären. Meist sind sie irgendwo unerreichbar oben oder unten oder hinten oder verdeckt oder sonst wo verzwickt und scheinen einen anzugrinsen: "Erwischst mich eh nicht!"

Da wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Konstrukteur der Maschine selbst zur Fettpresse greifen und sich mit all den Nippeln abplagen muss. Dann würden es wohl die Landwirte sehr schnell viel einfacher haben. Und zuschauen möchte man manchen aus dieser Zunft auch, wenn sie sich mit dem Anbau einer Feldspritze, eines Düngerstreuers oder eines ähnlichen Gerätes abplagen müssen. Wie sie sich da mit Unterlenkern, Hydraulikschläuchen, Steckern und Gelenkwelle abquälen - alleine und eingezwickt zwischen Traktor und Maschine. Aufsteigen, absteigen, vorfahren, zurückfahren, raufklettern, runterklettern. Drücken, schlagen und - fluchen. Das vor allem.

Solche Geißeln der Landwirtschaft gibt es viele. Sie machen viele Arbeiten unnötig schwer, lästig und mitunter sogar gefährlich. Und solche Geißeln gibt es bei Gott nicht nur bei den Maschinen, sondern überall. Etwa, nur um noch ein Beispiel zu nennen, bei den Pflanzenschutzmitteln. All die Dosen und Kanister gehören auf den Höfen zu den großen Plagen, vor allem dann, wenn sie sich nicht einmal richtig entleeren lassen und wenn - wie immer man das Ding dreht und wendet - immer ein Resterl von der Brühe im Behälter bleibt.

Aber von all dem steht in den glänzenden Prospekten nie etwas.

Und brillante Bilder gibt es davon auch nie.


Blick ins Land" Nr. 12/09 vom 30.11.2009

Freitag, 27. November 2009

Für die Bauern beginnt das große Zittern





Die neue Agrarpolitik der EU lässt Verteilungskämpfe und weniger Geld für die Bauern erwarten


HANS GMEINER Salzburg (SN). Den Zuhörern im Festsaal der Landwirtschaftskammer Österreich in Wien schien es, als hätte der Wolf Kreide gefressen. Da lobte Klaus-Dieter Borchardt, Kabinettschef von EU-Agrarkommissarin Fischer Boel, die multifunktionale Landwirtschaft und sagte: „Wir wollen, dass die Landwirtschaft unabhängig von den Strukturen in allen Regionen erhalten bleibt.“
Normalerweise klingen die Töne aus Brüssel anders, wenn es um die Zukunft der Agrarpolitik geht. Da geht es im Kern immer ums Geld. Erst kürzlich sorgte ein inoffizielles Grundsatzpapier von EU-Kommissionspräsident Barroso für helle Aufregung. Darin hieß es, der Agrarhaushalt, der derzeit ein Volumen von rund 55 Mrd. Euro ausmacht, müsse gekürzt werden, um Gelder für neue Ziele freizumachen.
Die aktuelle EU-Budgetperiode läuft zwar noch drei Jahre, in der Landwirtschaft ist aber längst eine intensive Diskussion über die Zeit danach, die Jahre von 2014 bis 2020, im Gang. Schon jetzt ist klar, dass auf die Bauern gravierende Änderungen zukommen werden. Sie werden nicht nur mit weniger Geld auskommen müssen, vor allem scheinen auch Verteilungskämpfe programmiert zu sein, zumal die neuen EU-Mitgliedsstaaten für ihre Bauern mehr Geld reklamieren.
Aber nicht nur auf Ebene der Mitgliedsstaaten, sondern auch für den einzelnen Bauern wird die Verteilung der Fördermittel ein zentrales Thema. Die EU strebt eine Vereinheitlichung des Prämiensystems an. Das kann die österreichischen Bauern besonders treffen. Wie viel ein Bauer erhält, ist derzeit je nach Sparte und Produktionsgebiet zuweilen sehr unterschiedlich. Das hat historische Gründe. Die Höhe und Verteilung der Ausgleichszahlungen hat ihre Wurzeln in den Marktverhältnissen der frühen 1990er-Jahren.
„Das hat absolut nichts mehr mit der Realität zu tun“, sagt Borchardt. Die anvisierte Vereinheitlichung des Prämiensystems heißt aber für ihn nicht, dass es in ganz Europa einheitliche Flächenprämien geben soll. „Ich halte nichts davon, einen Ackerbaubetrieb über den gleichen Leisten zu schlagen wie einen Milchbetrieb, oder Betriebe in Gunstlagen sich selbst zu überlassen.“ Dass es dabei neben Gewinnern viele Verlierer geben wird, räumt selbst der EU-Experte ein.
In Österreich will man das heiße Eisen vorerst nicht angreifen. Während in allen EU-Staaten, die wie Österreich bisher auf ein historisches System setzten, die Umstellung läuft, will sich Wien damit noch Zeit lassen. „Die Lage ist noch nicht so klar, dass wir uns schon jetzt festlegen wollen“, sagt Reinhard Mang, Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium.
Klar ist für die heimischen Agrarier indes, dass die österreichischen Bauern auch in Zukunft Prämien brauchen. „Und wir brauchen weiterhin Marktordnungsinstrumente und gemeinsame Wettbewerbsregeln“, sagt Bauernkammerpräsident Gerhard Wlodkowski. Zudem wendet er sich strikt gegen eine weitere Liberalisierung und die ebenfalls von Barroso ins Spiel gebrachte Renationalisierung der gemeinsamen Agrarpolitik. Wie weit diese Vorstellungen durchsetzbar sind, wird sich weisen.
Die Flinte mag man aber einstweilen nicht ins Korn werfen. Schließlich beginnt die heiße Phase erst, wenn die neue Kommission das Ruder übernimmt. In Agrarkreisen glaubt man, dass auch die politische Handschrift des neuen Agrarkommissars eine Rolle spielen wird. Für den Frühsommer 2010 wird ein Papier mit mehreren Optionen für die künftige EU-Agrarpolitik erwartet. 2011 soll dann ein konkreter Vorschlag kommen und 2012 der Legislativvorschlag, der die Agrarpolitik bis 2020 festlegt.
„Wir wollen nicht zu pessimistisch sein“, sagt Mang. „Bei den Verhandlungen für die derzeitige Periode haben wir auch die Erwartungen übertroffen.“ Nachsatz: „Darum sollen wir nicht davon ausgehen, dass wir nichts erreichen werden.“

Wirtschaft / 24.11.2009 24.11.2009 / Print

Montag, 2. November 2009

Agrarpolitik mit dem Leierkasten





Es war großes Theater. 20 EU-Landwirtschaftsminister in Wien, großes Palaver über die Milch und ein Katalog an Forderungen, der in der Hauptsache in einem gipfelte: Wir wollen noch mehr Geld. 300 Millionen.

Man fühlt sich gut seither. Dabei ist man in Handeln, Worten und Werken nichts anderes als hilflos und vor allem alt.Kreative Lösungen schauen anders aus. Aber die gibt es in der Agrarpolitik schon lange nicht mehr. Da dreht man sich, so der Eindruck, lieber im Kreis.

Es ist nicht gerade Ideenreichtum, mit dem man in den vergangenen Jahren den Bauern zur Seite stand. Das Immergleiche kommt in Politik und Werbung seit Jahren immer wieder. Wie aus einem Leierkasten. Die Forderung nach dem Ausbau von erneuerbaren Energieformen, GVO-Freiheit, Biolandwirtschaft - so richtig sie auch sein mögen - laufen sich langsam tot. Weltmilchtag, Welteitag, Weltapfeltag - man kennt das zum Überdruss.

Es scheint nichts Neues mehr zu geben in der österreichischen Landwirtschaft. Die Konzepte, Ideen und Forderungen, die heute auf jedem Biertisch getrommelt werden, sind mehr als 20 Jahre alt. Die Basis, auf der man immer noch arbeitet, ist das Konzept der ökosozialen Marktwirtschaft aus den 1980er Jahren. Dieses Konzept gab den Bauern neues Selbstbewusstsein und wirkt bis heute nach. Es war die Basis für die Entwicklung der Umweltprogramme. Erhaltung der Landschaft, Schutz der Umwelt, flächendeckende Landwirtschaft, Regionalität sind Schlagworte, die seither in keiner landwirtschaftlichen Diskussion fehlen.

Österreich war damals so etwas wie internationaler Vorreiter, wenn es galt, neue Wege für die Landwirtschaft abseits der einfachen Nahrungsmittelproduktion zu finden. Man hatte die Nase weit im Wind. "Wie macht ihr Österreicher das bloß?" fragte man sich in ganz Europa.Wo sind diese Zeiten, wo ist dieser Geist hingekommen?Die Agrarpolitik hat zweifellos viel erreicht in den vergangenen Jahren. Aber die Kreativität, der Mut zum Denken und die Bauernschläue, mit denen sich die Landwirtschaft damals ihr Überleben sicherte, sind verloren gegangen.In der heutigen Generation der Bauernvertreter ist davon kaum etwas zu finden. Ein paar Taferln, die Genussregionen markieren, das jahrelange Versprechen einer Milchprämie oder das Vorziehen der Auszahlung von Prämien gelten heute als "Agrarpolitik".Ansonsten? Man schreibt fort, was man seit Jahren kennt. Immer wieder. Der größte Teil der Energie geht viel zu oft darein, an Altem festzuhalten und zu erklären, warum etwas nicht geht.Die Krise der Landwirtschaft und auch die künftige Position der Landwirtschaft in der EU bräuchten aber ganz andere Antworten, um den Bauern tatsächlich Perspektiven zu bieten.Das Umfeld und die Anforderungen haben sich zum Teil dramatisch verändert. Da sind viele Positionen und lieb gewordene Einschätzungen zu hinterfragen. Für die Landwirtschaft geht es darum, das Gesetz des Handelns nicht gänzlich aus der Hand zu geben und zum machtlosen Rohstofflieferanten zu werden. Gegenüber Handel und Industrie ist das bereits passiert. In Brüssel ist man dabei, es zu verlieren. Das sind die Herausforderungen, denen man sich heute stellen muss.Politik ist nicht an den Grenzen zu messen, die ihrem Tun gesetzt erscheinen und auf die sich Politiker so gerne berufen, sondern sie ist daran zu messen, wie und ob es ihr gelingt, diese Grenzen zu überwinden.Für die Agrarpolitik gilt das in ganz besonderem Maße.


Blick ins Land 2.11.2009

Freitag, 2. Oktober 2009

Butter schon bald teurer




HANS GMEINER Schlierbach (SN). Der Milchmarkt hat in den vergangenen Monaten die Talsohle durchschritten. Die Preiskurven von Blockbutter und Milchpulver, den beiden wichtigsten Indikatoren für die Marktentwicklung, zeigen wieder nach oben. Das sollen schon in den nächsten Tagen auch die Konsumenten zu spüren bekommen. „Es ist realistisch, dass zumindest die Butterpreise anziehen“, sagte Donnerstag Helmuth Petschar, Chef der Kärtnermilch und neuer Präsident der Vereinigung österreichischer Milchverarbeiter. In Deutschland wurden die Butterpreise zum Teil bereits um bis zu 25 Prozent angehoben.

Die Bauern haben dennoch auch in den nächsten Monaten nur Schmalkost zu erwarten. So, wie es derzeit aussieht, waren die Preiserhöhungen, die mit 1. Oktober bei einigen Molkereien in Kraft traten, für heuer alles. „Wir müssen Geld verdienen, weil wir es uns nicht leisten können, negativ zu bilanzieren“, sagt Petschar. Im Vorjahr hätten die Molkereien zusammen einen Verlust von rund zehn Millionen hinnehmen müssen. Heuer schaue es kaum besser aus. „Nur wenn wir vom Handel vernünftige Preise bekommen, ist vielleicht noch eine schwarze Null möglich“, fügte Petschars Vorgänger Günther Geislmayr hinzu.

Die Milchverarbeiter wollen die Handelsriesen verstärkt in die Pflicht nehmen. Vor allem die Billigeigenmarken des Handels sorgen für Unbehagen. „Es ist unerträglich, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Billigprodukte aus Deutschland und Holland in die Regale gestellt werden“, klagt ein Molkereichef hinter vorgehaltener Hand und liefert Zahlen: „Laut deutscher Exportstatistik lagen heuer die Käselieferungen nach Österreich im ersten Halbjahr um 11,4 Prozent höher als im Vorjahr.“

Im Handel weist man diese Vorwürfe entschieden zurück. „Die Molkereien sollen nicht jammern“, kontert man. „Im Ausland verkaufen sie viele Produkte billiger als bei uns“.

Für Nicole Berkmann von Spar liegt der Ball eindeutig in der Politik – „und da vor allem in Brüssel“. Und Rewe-Sprecherin Corinna Tinkler sagt: „Selbst bei den Billigmarken haben wir fast ausschließlich österreichische Ware in den Regalen. Aber wir müssen schauen, wie sich der Markt bewegt.“

Dass sich der Markt in Richtung Billigprodukte bewegt, muss auch die IG-Milch mit ihrem Produkt „a faire Milch“ zur Kenntnis nehmen. 30 Cent Preisunterschied zu vergleichbarerer Trinkmilch anderer Marken war auf Dauer zu groß. Bei Spar gehört das Produkt nicht mehr zum Pflichtsortiment.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

"Unappetitliches" aus dem Notizblock





Ganz abgesehen von der für viele dramatischen Preissituation - was den Milchbauern in den vergangenen Wochen von allen Seiten aufgetischt, vorgemacht und zugemutet wurde, geht in Wahrheit auf keine Kuhhaut. Was sich da im Laufe des Sommers an Zitaten, Informationen und Anmerkungen in meinem Notizblock ansammelte, ist mitunter entlarvend und stellt die Branche in kein gutes Licht. Es wirft nicht nur Fragen des Stils, sondern auch des demokratischen Verständnisses und vor allem des ehrlichen Umgangs mit den Bauern auf. Und es gibt auch eine Ahnung davon, warum es nicht gelingt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Ich verzichte diesmal ganz bewusst darauf, die Vorgänge zu kommentieren. Die Leser mögen sich selbst ein Bild machen und das Ihre dazu denken. Und das mögen auch die Angesprochenen tun.

Die folgende Auswahl aus all den Zitaten, Notizen und Aussendungen will nichts anderes, als einen Eindruck davon vermitteln, welche politische Kultur man hierzulande pflegt, welches Verhältnis man zu Obrigkeiten hat und wie biegsam manches Rückgrat von Agrariern ist, auch wenn sie sonst gerne als Rebellen auftreten. Bemerkenswert sind sie allemal. Man sollte daran denken, wann immer irgendwer, der vorgibt, die Interessen der Milchbauern zu vertreten, wieder einmal allzu vollmundig daherschwadroniert.

* "Es kann nicht sein, dass sich eine intelligente Minderheit von einer deppaten Mehrheit pflanzen lässt." (IG-Milch Obmann Ewald Grünzweil auf der Rieder Messe in jener Versammlung, in der zum Milchstreik und Bauernaufstand aufgerufen wurde.)

* Am 16. September kündigt die IG-Milch an, dass sie zwei Tage später einen Gesprächstermin bei Bundeskanzler Werner Faymann hat. Am 18. September verschickt der ÖVP-Pressedienst eine Aussendung, dass sich die Bauernbundspitze zu einer Aussprache mit Vizekanzler Finanzminister Josef Pröll trifft.

* "Die IG-Milch ist für das heutige Informationsgespräch mit Herrn Bundeskanzler Werner Faymann im Bundeskanzleramt sehr dankbar und ist beeindruckt, dass der Herr Bundeskanzler nicht nur enormes Interesse, sondern auch großes Verständnis und persönliche Betroffenheit zum Ausdruck brachte." (Aus einer Presseaussendung der IG-Milch nach dem Besuch bei Faymann.)

* Der Direktor einer Molkerei in der Obersteiermark weist in einem Telefonat Gerüchte weit von sich, dass in seinem Betrieb Analogkäse erzeugt wird. Einen Monat später gibt er dem Verein für Konsumentenschutz gegenüber zu, dass das doch geschieht - "aber nur für den Export".

* Die Molkereien klagen den ganzen Sommer hindurch über die dramatische Lage auf dem Milchmarkt. "Wir können nicht mehr auszahlen, als wir verdienen", heißt es immer wieder. Allenfalls die Talsohle sei erreicht. Und dann geht es auf einmal doch und der größte Milchverarbeiter Österreichs kündigt plötzlich eine Erhöhung der Erzeugermilchpreise an. Fünf Tage vor der Landtagswahl in Oberösterreich - und wenige Wochen, nachdem die Übernahme der Welser Landfrisch endgültig unter Dach und Fach war, die vom Land immer forciert wurde.

Die Bauern sollen trotzdem glauben, dass alle immer nur die Interessen der Milchbauern und sonst gar nichts vor Augen haben. Eine Kollegin brachte auf den Punkt, was das ist. "Alles unappetitlich", hat sie gesagt.

"Blick ins Land" Nr. 10/09 vom 01.10.2009

Montag, 14. September 2009

High Noon im Kuhstall






Also wieder - Milchlieferstreik. Mehr sogar noch - Bauernaufstand.
Die „Guerilleros" von der IG-Milch, als die sie sich neuerdings sehen, legen sich die Latte hoch und gehen aufs Ganze.
„Es steht die finale Auseinandersetzung bevor", sagen Ewald Grünzweil und Ernst Halbmayr.
Offenbar wollen sie mit dem Kopf durch die Wand. Die Aussichten auf einen Erfolg des Streiks sind schwer einzuschätzen, sicher ist nur, dass die Erleichterung für manch wütende Bauernseele groß sein wird.
Im Vorjahr mussten die Bauern viel Kritik einstecken. Dass sie Milch weggeschüttet haben, kam in der Öffentlichkeit gar nicht gut an.
Als Zeichen der Wut und des Protestes sollte es aber erlaubt sein. Da brauchen die Agrarpolitiker aus Bauernbund und Landwirtschaftskammer nicht so scheinheilig tun. Auch wenn das Konzept von IG-Milch und EMB zur Sanierung des Milchmarktes kompliziert und realitätsfremd sein mag - die die Parade-Agrarier müssen erst beweisen, dass sie in Brüssel etwas erreichen, das den Bauern wirklich hilft.
Als Reaktion auf den Streik Gespräche mit dem Handel anzukündigen, wie das der Bauernbundpräsident tut, ist Frozzelei. Es würde nicht verwundern, wenn alleine deswegen manche Bauern nun doch die Milch ausschütten.

Von Hans Gmeiner 14. Sep 2009 in Aktuell, Innenpolitik

Bauern wollen Milch-Opec





Milchbauern in ganz Europa schütten wieder Milch weg, um auf ihre schwierige Lage aufmerksam zu machen.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Ewald Grünzweil, Obmann der IG-Milch, war die Spannung anzumerken. „Ich habe in den vergangenen Tagen die Hosen gestrichen voll gehabt“, sagte er Samstag beim Milchbauerntag seiner Gruppe auf der Rieder Messe. „Aber worauf wollen wir noch warten?“, fragt er. „Die Chance ist historisch.“

Die Rede ist vom nächsten Milchlieferstreik. Angesichts der niedrigen Bauernmilchpreise sei ein Lieferstreik noch nie so billig gewesen wie jetzt, argumentiert Gründzweil. Und: „Es kann doch nicht sein, dass sich eine intelligente Minderheit von einer dummen Mehrheit pflanzen lässt.“

Die rund 500 anwesenden Milchbauern, rund zehn Prozent der Mitglieder der IG-Milch oder ein Prozent der heimischen Milchbauern, sahen das genauso. Sie stimmten für einen neuerlichen Milchlieferstreik. „Das ist eine Einladung, wir hoffen, das alle Milchbauern wissen, was zu tun ist“ sagen die Vertreter der IG-Milch. „Die Molkereien sagen ja, wir sollen weniger liefern, das machen wir jetzt.“

Wie schon im vergangenen Jahr will die IG-Milch möglichst viele Bauern dafür gewinnen, keine Milch mehr an die Molkereien zu liefern. Stattdessen will man sie verschenken, selbst zu Butter und Käse verarbeiten und, wenn es nicht anders geht, in die Güllegrube schütten. „Wegschütten ist das Opfer, das wir bringen müssen“, heißt es. Geplant sind zudem Sternfahrten mit Traktoren und Demonstrationsveranstaltungen wie heute, Montag, die Blockade des Autobahnknotens St. Michael in der Steiermark. Über weitere konkrete Pläne wollten die IG-Milch-Vertreter in Ried nichts sagen. „Wir sind eine Guerillaorganisation“, war alles, was sich Grünzweil entlocken ließ. „Wir bestehen aus einzelnen Zellen.“

Den Ausgang nahmen die neuerlichen Lieferstreiks am vergangenen Donnerstag in Frankreich. Dort haben bereits 30 Prozent der Bauern ihre Lieferungen an die Molkereien eingestellt. Mittlerweile haben sich nach Angaben der IG-Milch auch in Deutschland viele Bauern dem Streik angeschlossen. Heute, Montag, sollen auch in der Schweiz und in Italien Bauern keine Milch mehr liefern.

„Die Milchwirtschaft ist in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, wir sind ganz unten“, sagte Romuald Schaber, der Präsident des Europäischen Milkboard (EMB), der eigens nach Ried kam. EMB ist die europaweite Plattform von Organisationen wie der IG-Milch und Drehscheibe der Streiks.

Seit rund eineinhalb Jahren kämpft die europäische Milchwirtschaft mit einem dramatischen Preisverfall. Die Bauern bekommen für ihre Milch pro Kilogramm heute mit rund 25 Cent um ungefähr ein Drittel weniger als noch vor eineinhalb Jahren. Die Wirtschaftskrise traf die Milchbauern so schnell und so schlimm wie keinen anderen Betriebszweig in der Landwirtschaft. Märkte brachen weg, der Verbrauch ging zurück, wegen des hohen Preisiniveaus vor zwei Jahren ersetzte die Lebensmittelindustrie in vielen Rezepturen Produkte wie Milchfett durch billigere Stoffe. Die Bauern konnten gar nicht schnell genug reagieren, zumal die Produktion nicht auf Knopfdruck gesteuert werden kann.

Die Maßnahmen der EU zur Marktentlastung griffen bisher kaum. Dass Brüssel am Liberalisierungkurs festhält und die Lieferquoten unbeirrt aufheben will, erzürnt die Bauern besonders. Mit dem Streik wollen EMB und IG-Milch durchsetzen, dass die Bauern ähnlich wie die Ölförderländer der OPEC die Milchproduktion selbst dem Bedarf anpassen und so das Preisniveau steuern. Auch wenn die offizielle heimische Agrarpolitik mit Brüssel genauso unglücklich ist wie die IG-Milch, hält man vom neuerlichen Lieferstreik überhaupt nichts. „Der vorjährige Milchstreik hat keinen Erfolg gebracht, die Bauern waren schließlich die Draufzahler“, sagen die Bauernpräsidenten Wlodkowski und Grillitsch. Man will mit dem Handel reden und den Druck auf Brüssel verstärken.


Wirtschaft / 14.09.2009

Samstag, 12. September 2009

Bei Bier und Brathendl wächst der Zorn der Bauern





Auf der Rieder Messe prangern die Bauern die „unmoralischen“ Preise an. Die Politik liefert starke Worte, mehr nicht.


HANS GMEINER Ried/Innkreis (SN). Wenn in der Landwirtschaft nichts mehr geht, wenn die Preise im Keller sind, wenn sich Brüssel taub stellt und wenn die Konsumenten nur mehr billig einkaufen, dann weiß ein eloquenter Agrarpolitiker, was bei den Bauern besonders gut ankommt. „Für Lebensmittel wird so wenig ausgegeben, da leben die Leute eigentlich im Paradies, aber die danken weder dem Herrgott noch den Bauern“, tönt Gerd Sonnleitner. Er ist Präsident des deutschen Bauernverbands und als Niederbayer aus einem Ort wenige Kilometer jenseits des Inns Stammgast bei der Rieder Messe.

Auf der Innviertler Agrarausstellung greift man in diesen Tagen zu starken Worten. Von „unmoralischen Preisen“ ist gern die Rede, ja „würdelos“ seien sie. Und dazu die „Ignoranz“ in Brüssel. Die erst recht.

Sehr viel mehr haben gewählte und selbst ernannte Vertreter den Bauern derzeit nicht zu bieten. Die Zeiten sind schwierig, die Möglichkeiten beschränkt. Erst zu Beginn dieser Woche hat ihnen die EU-Kommission die Grenzen aufgezeigt. Zwei von Österreich, Deutschland und Frankreich initiierte Resolutionen mit Vorschlägen zur Rettung des Milchmarkts wurden abgeschmettert. Schließlich habe man bereits 600 Mill. Euro für die Stabilisierung des Milchmarktes lockergemacht, wurde argumentiert.

„Ich mache kein Hehl daraus, dass ich enttäuscht bin“, sagte Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich. „Die Kommission ist zu wenig flexibel.“ Und er zweifelt am demokratischen Verständnis der Brüsseler Bürokraten, zumal zumindest einer der beiden abgelehnten Resolutionen 16 Staaten, also die klare Mehrheit, zustimmten. „Das kann doch nicht sein.“

Das denken sich wohl auch die Bauern, die auf mehr Unterstützung warten. Die Vorverlegung der Auszahlung der Agrarförderungen auf Oktober hat genauso eher symbolischen Charakter wie der Verzicht auf die Erhöhung der Milchlieferquoten.

Mehr Substanz hat da allenfalls die „Schlachtprämie“ für Kühe, die für Oberösterreich vorgestellt wurde. 200 Euro zahlt das Land, wenn der Bauer eine Altkuh zum Metzger gibt und dafür ein Jungrind kauft, das noch keine Milch produziert. Aber in Oberösterreich wird ja auch in zwei Wochen gewählt.

Minister Berlakovich gibt den tapferen Kämpfer. „Wir bleiben auf den Themen Milch und Getreide drauf“, sagt er und kündigt verstärkte Werbemaßnahmen an. Und er hat den Glauben an die EU noch nicht verloren. „Dass etwas möglich ist, zeigte sich ja bei der Gentechnik.“

Berlakovich steht unter Druck. Manche Bauern werden nervös. Heute, Samstag, will die IG-Milch eine Neuauflage der Milchlieferstreiks beschließen. Vom Minister abwärts halten das die Spitzenvertreter in Kammern und Ministerium für falsch und kontraproduktiv. „Wir stehen nicht für Radikalisierung und falsche Versprechungen“, sagt Bauernbund-Chef Fritz Grillitsch. Die Töne, die sich in Deutschland in die Milchdiskussion gemischt hätten, machten ihm Angst, sagt er. „Die Bauern brauchen Sicherheit und marktentlastende Maßnahmen für bessere Preise.“ Landtechnik- und Traktorenhersteller verfolgen die Diskussionen rund um die Lage der Bauern mit einem Anflug von Staunen. Branchenprimus Pöttinger berichtet von guten Geschäften, der Traktorenmarkt sei heuer sogar noch leicht gewachsen. „Wir wundern uns“, sagen manche. „Vorziehkäufe“ spekuliert man, „Inflationsangst“ haben manche als Erklärung. „Jetzt noch kaufen und dann durchtauchen“, vermutet man als Motiv.

Aber vielleicht hat es bloß mit dem zu tun, was der Niederbayer Gerd Sonnleitner, der von seinem Hof auf Schärding blickt und die Lage der Bauern in Deutschland und anderen Ländern vor Augen hat, sagte: „Als Landwirt würde ich mir die Grenze weiter westlich wünschen, da würde ich drei Mal so viel verdienen.“


Wirtschaft

Freitag, 4. September 2009

Ein Kampf mit leeren Magazinen





Die Milchpreise sind seit Monaten auf historischen Tiefstständen. Bei den Getreidepreisen ist es kaum anders. Und auch die Fleischpreise reichen kaum, um die Kosten zu decken.

Von der größten Krise der Landwirtschaft seit Jahrzehnten sprechen da bereits manche. Nichts scheint sie stoppen zu können. Die Exportförderungsmittel für Milchprodukte, die von der EU nach langem politischem Ringen freigemacht wurden, verpufften wirkungslos. Ebenso wirkungslos blieben bisher die Einlagerungsaktionen für Butter und Magermilch. Gar nichts brachte bisher auch, dass Österreich die Anhebung der Quoten aufschob. Und was die Neuregelung der nationalen Saldierung bringt, muss sich auch erst zeigen.

Bei Getreide ist es kaum anders. All die Ölmühlen und Biospritwerke, die in den vergangen Jahren in ganz Europa mit Milliardenaufwand gebaut wurden, können die Ölsaaten-, Mais- und Getreidepreise nicht retten. Sie sind heuer noch schlechter als vor drei, vier Jahren.

Selbst der Biolandbau, lange Jahre die Alternative schlechthin und mit viel Geld von der Politik hochgepäppelt, steckt in veritablen Schwierigkeiten. Der Milchmarkt ist auch dort aus dem Ruder. Und bei Getreide und Futtermitteln krachts in der Szene, wie man es sonst nur den sprichwörtlichen Kaisersemmeln nachsagt. Man kommt mit dem Nachfragerückgang und dem Preisabsturz nicht zurande.

Die Magazine der Agrarpolitik scheinen leergeschossen zu sein. Gerade jetzt, wo die Bauern so dringend Unterstützung bräuchten, ist kaum mehr etwas da, mit dem man helfen könnte.

Die möglichen Maßnahmen, auf die man in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten setzte, scheinen ausgereizt. Die da und dort und vor allem auf dem Milchmarkt erhobenen Forderungen nach Produktionsbeschränkungen, nationalen Lösungen und Abschottung nach außen sind international kaum mehr durchzusetzen - ganz abgesehen davon, dass sie sich sehr schnell als kontraproduktiv erweisen könnten, weil die Milchbauern große Produktionsmengen verlieren könnten.

Auch die Möglichkeiten, mit Geld korrigierend einzugreifen, sind längst ziemlich eingeschränkt. Im Jahr 2000 erhielten Österreichs Bauern im Schnitt knapp 8000 Euro. Für 166.000 Bauern standen damals knapp 1,3 Mrd. Euro aus den Titeln Marktordnungsprämien, ÖPUL, AZ und vielen anderen zur Verfügung. Heuer erhalten die Bauern mit gut 13.000 Euro im Schnitt um gut 50 Prozent mehr als damals (1,8 Mrd. Prämien, 137.000 Betriebe).

Und dennoch sehen viele ihre Situation so schlecht wie kaum je zuvor in den vergangenen Jahren.

Dabei ist seit Monaten ist das Quietschen der Bremsen nicht mehr zu überhören. Im Landwirtschaftsministerium hat man alle Hände voll zu tun, um angesichts der leeren Kassen in Bund und Ländern zumindest bis 2013 die Direktzahlungen für die Bauern zu sichern.

Und dann soll es ja, das pfeifen die Spatzen seit Jahren von den Dächern, erst richtig losgehen.

Man darf gespannt sein, was die Politik den Bauern angesichts der prekären Lage noch zu bieten hat.

Das Einzige, womit die sich derzeit trösten können, scheinen die angesichts der wachsenden Menschheit und des steigenden Bedarfs immer noch einigermaßen guten Preisprognosen zu sein.

Wie viele dann davon in Anbetracht der derzeitigen Krise noch profitieren werden, steht allerdings in den Sternen.


Blick ins Land" Nr. 09/09 vom 04.09.2009

Dienstag, 1. September 2009

Dunkle Wolken über dem Bauernstand






Nichts kann die Krise der Landwirtschaft stoppen. Und die Magazine der Agrarpolitik sind leergefeuert.


HANS GMEINER Salzburg (SN). Die Bauern machen heuer das schwierigste Jahr seit dem EU-Beitritt durch. Die Wirtschaftskrise hinterlässt längst auch in der Landwirtschaft tiefe Spuren. Märkte brechen weg, Preise rasseln in den Keller. Nicht mehr die Lebensmittelknappheit ist das Thema, sondern die Überschussproduktion. Von der Hochstimmung des Jahres 2007, als die Preise explodierten und sich die Bauern eine rosa Zukunft ausmalten, ist nichts mehr übrig.

Die Milchpreise sind niedrig wie schon lange nicht. Bei Getreide, beim Fleisch und bei den Bioprodukten ist es nicht anders. Zudem stöhnen viele Bauern unter den Finanzierungskosten für Investitionen, auf die sie sich aufgrund der guten Stimmung vor zwei Jahren und wegen der attraktiven Investitionsförderung einließen. Dazu kommen in manchen Regionen die Folgen von verheerenden Unwetterschäden.

Was sind die größten Probleme der Landwirte?

1. Größter Nachteil sind die kleinen Strukturen
Billige Lebensmittel könnten nur von großen Betrieben erzeugt werden, sagen die österreichischen Bauern. Das macht ihnen die meisten Sorgen. Denn rund zwei Drittel der 180.000 bäuerlichen Betriebe in Österreich bewirtschaften weniger als 20 Hektar, im Schnitt stehen zehn Kühe im Stall und 60 Schweine. Das sind Größenordnungen, die international allenfalls für ein mitleidiges Schmunzeln sorgen. Denn das bedeutet nichts anderes, als hohe Kosten in der Produktion. In Großbritannien hat man im Schnitt 56 Hektar, 78 Kühe und mehr als 400 Schweine. In Deutschland ist es kaum anders. Gar nicht zu reden von Staaten wie USA, Argentinien oder Brasilien mit ihren oft Zigtausende Hektar großen Betrieben.

2. Von den Produktpreisen allein kann kein Bauer leben
Nicht einmal dann, wenn „normale“ Preise bezahlt würden, kann ein Bauer in Österreich von den Produktpreisen allein leben. Das gilt auch für die Biobauern, die ohnehin höhere Preise bekommen. Bei Bauernmilchpreisen, wie sie derzeit gezahlt werden, bleibt den Bauern praktisch nichts. Sie brauchen zum Leben einen Milchpreis von 40 Cent, sagt die IG-Milch. Nicht anders ist es im Ackerbau. Heuer werden Getreidepreise von 100 Euro je Tonne gezahlt. Davon bleiben pro Hektar auch bei guten Erträgen nicht viel mehr als 150 Euro Deckungsbeitrag.

Ohne Ausgleichszahlungen und Umweltförderungen wäre also kein Staat zu machen. Dementsprechend hoch ist die Abhängigkeit von Direktzahlungen. Sie machen bei einem durchschnittlichen österreichischen Agrarbetrieb fast 25 Prozent der Betriebseinnahmen aus. Das ist fast so viel, wie in den Büchern der Bauern nach Abzug des Aufwandes unterm Strich als Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft bleibt. Landwirtschaft in Österreich ist also fast ein Nullsummenspiel.

3. Der Spielraum der Bauern ist gering
Die Landwirte haben keinen sehr großen Spielraum, um auf die Krise zu reagieren. In Ackerbau und Viehzucht funktioniert nichts auf Knopfdruck, entsprechend lang sind die Zeiträume für Betriebsumstellungen. Am ehesten ist bei den Kosten zu sparen. Da stehen sich die Bauern mit ihrer Mentalität mitunter selbst im Weg. Zu stark ist oft der Hang, groß zu bauen und zu wenig ausgeprägt ist die Neigung, in der Nachbarschaft zusammenzuarbeiten. Vor allem die teuren Maschinen und Geräte werden noch zu wenig gemeinsam genutzt.

4. Die Magazine der Agrarpolitik sind leer Die Agrarpolitik steht der derzeitigen Krise hilflos gegenüber. Keine Maßnahme greift gegen den Preisverfall bei Milch. Auch die milliardenschweren Investitionen in Ölmühlen und Biospritwerke retten die Getreide- und Ölsaatenpreise nicht. Selbst der Biolandbau steckt in Schwierigkeiten. Alle Munition scheint verschossen. Dass viele Bauern nicht mehr weiterwissen, obwohl im Durchschnitt jährlich rund 13.000 Euro allein an Ausgleichzahlungen, Umweltprämien und Investförderungen auf die Höfe fließen, ist ein Alarmzeichen. Auf Hilfe aus Brüssel zu hoffen, scheint vergebliche Liebesmüh. Dort stehen die Weichen auf freien Markt und weniger Geld für die Bauern.

5. Was bleibt, ist die Hoffnung auf Prognosen
Die Bauern können derzeit nichts anderes tun, als auf die Prognosen zu hoffen. Die versprechen zumindest mittelfristig eine steigende Nachfrage und bessere Preise. Ansonsten bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf ihre Stärken zu verlassen. Von der Eigenkapitalausstattung der Landwirtschaft etwa können andere Wirtschaftszweige nur träumen. Und die Strukturen als Familienbetriebe erweisen sich gerade in Krisenzeiten wie jetzt als Bollwerke.

Die meisten Bauern jedenfalls wollen alles tun, damit sie auch diesmal halten. Man lebt ja vor allem für den Hof und die Landwirtschaft. Und dafür nimmt man mitunter vieles in Kauf. Bis auf eines – den Betrieb aufzugeben. Wer mit solchen Ideen kommt, lernt die Bauern schnell von ihrer anderen Seite kennen.


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Freitag, 21. August 2009

In der Bioszene herrscht dicke Luft






HANS GMEINER Salzburg (SN). In der heimischen Bioszene herrscht dicke Luft. Zu den Problemen, die in den vergangenen Monaten den Biomilch-Markt aus dem Ruder laufen ließen, kommen nun auch Probleme bei Futtergetreide. Aus der vorjährigen Ernte liegen noch gut 25.000 Tonnen Futtergetreide auf Lager. Das ist rund ein Drittel des Jahresbedarfs in Österreich. Wegen der hohen Preise, um die diese Menge im Vorjahr in Österreich aufgekauft und sogar importiert wurde, ist dieses Getreide heuer unverkäuflich. Heuer sind die gleichen Qualitäten um bis zu 30 Prozent billiger zu haben und in ausreichender Menge vorhanden. Der Abwertungsbedarf, den die Agentur für Biogetreide, die Raiffeisen Ware Austria und Futtermittelhersteller wie der Salzburger Raiffeisenverband haben, wird auf insgesamt drei bis fünf Mill. Euro geschätzt.

Heinz Kaltenbäck von der Agentur für Biogetreide sieht die Situation gelassen. „Der Markt ist zwar sensibel, aber die Situation ist nicht so dramatisch“, sagt er im Gespräch mit den SN. „Jetzt muss man einmal das Ende der Ernte abwarten.“

Fix ist aber schon jetzt, dass Bio Austria, der größte heimische Biobauernverband, und die betroffenen Unternehmen von den Biogetreidebauern einen sogenannten Solidarbeitrag in der Größenordnung von 30 Euro pro Tonne einheben wollen. Er soll, wie es Bio-Austria-Obmann Rudi Vierbauch in einem Schreiben an die Bauern formuliert, „für die Abwertung der Überlagerungsmenge“ verwendet werden.

In der Branche und bei den Bauern stößt dieser Vorschlag auf Häme. „Warum sollen die Bauern, die heuer ohnehin massive Preiseinbußen hinnehmen müssen, für die Fehleinschätzung des Marktes zahlen?“, fragt man.

In einem offenen Brief an Bio Austria meint Rupert Bauinger, Chef von Fixkraft, einem der größten heimischen Futtermittelhersteller: „Fixkraft braucht keinen Solidaritätsbeitrag von den Biobauern, wir können bestes Biofutter zu aktuellen und marktkonformen Preisen liefern.“

Bauinger hat mit Bio Austria ohnehin noch eine Rechnung offen. Fixkraft investierte im Vorjahr rund fünf Millionen Euro in ein hochmodernes Mischfutterwerk, in dem Biofutter und konventionelles Futter völlig getrennt produziert werden. Trotz vorheriger Absprache mit Bio Austria und einer Reihe von Zertifikaten von Prüfstellen, die auch für Bio Austria prüfen, wird dieses Werk nicht für den Bio-Austria-Standard anerkannt. Denn just seit Jahresbeginn werden nur Futtermittelwerke anerkannt, die ausschließlich Biofutter verarbeiten. „100 Prozent Biobetrieb, 100 Prozent Biolagerstellen, 100 Prozent Biofuttermittelwerke“, heißt es bei Bio Austria. Getrennte Produktionslinien seien zu wenig.

Bauinger versteht das nicht. „Was ist dann mit den bäuerlichen Mischzügen, die direkt auf den Höfen von konventionellen und von Biobauern Futter mischen, was mit den Fleischereien und was mit den Bäckereien?“, fragt er. Auch viele Bauern haben Probleme damit, das nachzuvollziehen, zumal die Kriterien des Bio-Austria-Standards praktisch ausschließlich auf Gesellschafter der Agentur für Biogetreide zutreffen. Mittlerweile ist auch die Wettbewerbsbehörde damit befasst.

Auch im Handel steht man der Konstellation skeptisch gegenüber. Rewe pfeift inzwischen auf den Bio-Austria-Standard. Ja!natürlich, die größte heimischen Biomarke, akzeptiert Fixkraft als Lieferant von Biofuttermitteln – befristet und mit Auflagen, die über den Bio-Austria-Standard hinausgehen.


Wirtschaft / Print

Samstag, 8. August 2009

Nutzt's nix, so schad'ts nix!?





In Salzburg gibt sich der Agrarlandesrat gerne als Überbleibsel der Fußball-EM. Er gefällt sich als Schiedsrichter und zeigt Handelskonzernen und Molkereien gerne und medienwirksam die "Rote Karte", weil sie seiner Meinung nach Milch zu Dumpingpreisen verschleudern und den Bauern zu wenig zahlen. "Der verwechselt Äpfel mit Birnen", lässt man ihn dort wissen und setzt die Billig-Aktionen fort. Der sonst so seriöse Bauernpräsident Gerhard Wlodkowski besorgt sich eine blaue Arbeitsbluse und lässt sich mit einem Ferkel im Arm fotografieren. "Landwirtschaftskammerpräsident Gerhard Wlodkowski kämpft dafür, dass diese wichtige Sparte in der Steiermark erhalten bleibt", heißt es im beigefügten Text. Was er mit "kämpfen" meint, bleibt sein Geheimnis. Das Bild muss genügen. Und der Landwirtschaftsminister und eine ganze Reihe von Agrar-Landesräten haben sich mit dem Thema Genuss ein Perpetuum mo?bile geschaffen, das ihre persönliche Präsenz in der Öffentlichkeit - sonst aber gar nichts - garantiert. Manche von ihnen halten das für Politik.

Das sind nur einige wenige Beispiele für etwas, was in anderen Bereichen Menschen in die Politikverdrossenheit treibt, sich aber auch in der Landwirtschaft zusehends in die politische Arbeit mischt: Immer öfter zählen nur mehr die schnelle Schlagzeile, das einprägsame Bild, der rasche "Sager". Hauptsache in der Zeitung, Hauptsache im Fernsehen. Und am besten nicht nur in der agrarischen Öffentlichkeit. Was das bringt "Nutzt's nix, so schad'ts nix", heißt es dann. Man kennt das Grinsen, wenn man Verantwortliche darauf anspricht, das Schulterzucken. "Ist ja gut rübergekommen."

Zuweilen hat es den Anschein, als seien die Bauern in die Fänge von Populisten geraten. Schlimm genug. Was aber noch schlimmer ist: Dass man es in die Zeitung oder ins Fernsehen schafft oder dass es gelungen ist, ein Bild unterzubringen, wird immer öfter mit Politik verwechselt, mit Politik für die Bauern - zu allem Überdruss auch noch mit der Betonung auf "für".

Dieser Verwechslung scheinen auch viele andere, die vorgeben, in der Landwirtschaft etwas bewegen zu wollen, aufzusitzen. Die IG-Milch und ihr Milchlieferboykott sind ein Beispiel dafür - fette Schlagzeilen, jede Menge Fernsehminuten, und die Bauernmilchpreise sind trotzdem gesunken. Um keinen Deut anders und schon gar nicht besser sind die Zurufe von Parteien zu werten, in denen Landwirtschaft und die Bauern kaum eine Rolle spielen, außer jener, den "Schwarzen" ans Zeug zu flicken. Nach Belieben werden von dort aus zuweilen Themen in der Öffentlichkeit lanciert, die wenig mit den Bedürfnissen der Landwirtschaft, oft aber viel mehr mit den Absichten der Parteien zu tun haben, sich in der Öffentlichkeit zu positionieren und - siehe oben - in die Medien zu kommen.

Politik ist anders. Und sie muss anders sein. Die Bauern leiden unter den steigenden Kosten, viele Produktionssparten kämpfen nach wie vor mit schlechten Preisen. Der Welthandel gab sich neue Regeln und sorgt dafür, dass sich die Landwirtschaft international neu aufstellt. Damit müssen die österreichischen Bauern zurechtkommen. Da sind nette Bilder mit Ferkeln und Genuss-Aktionen zu wenig. Und auch "Rote Karten". In einem Kommentar bringt eine Kollegin auf den Punkt, was solche Aktionen in den allermeisten Fällen bleiben: "Ohne Erfolg." Vor allem für die Bauern. Die brauchen Politik mit Ergebnissen. Mit guten Ergebnissen, versteht sich.

"Blick ins Land" Nr. 08/08 vom 08.08.2008

Freitag, 7. August 2009

Die Bauern sind wieder in Hochform





Der Milchpreis ist eine Katastrophe, die Getreidepreise sind wieder im Keller, die Fleischpreise springen auch nicht recht an - und die Bauern sind in Hochform. An allen Ecken und Enden wird geklagt und gejammert wie schon lange nicht mehr. "Da haben wir 50 Jahre den Bauernbund gewählt und dann das", sagt ein (sic!) 40-Jähriger. "Die Ernte wird heuer ein Defizit", klagt einer beredt, obwohl er noch keinen Quadratmeter geerntet hat. Und ein anderer echauffiert sich darüber, dass die Bauernpreise immer niedrig sind und alles andere teurer wird - und pachtet dennoch dazu, was zu kriegen ist.

Ja, den Bauern geht es derzeit nicht gut. Zerplatzt sind die Träume, die vor zwei Jahren so hoch flogen. Die Situation ist schwierig, keine Frage - aber all das ist kein Grund, jedes Maß zu verlieren.

Dazu aber haben die Bauern immer schon geneigt. Man fühlt sich oft benachteiligt und als Opfer, glaubt man doch besondere Ansprüche zu haben. Derzeit gehen viele dieser Neigung wieder mit besonders großer Inbrunst nach. Dabei halten sich Bauern gerne für Unternehmer. Selbstständig, unabhängig, frei. Davon ist derzeit nicht viel zu merken. Viele Bauern scheinen ihren Masochismus nachgerade zu pflegen. Nicht wenige ruinieren sich ihr Leben damit. Und schuld sind immer nur die anderen. Immer.

Dabei verhalten sich die Bauern selbst zumeist gar nicht so anders als jene, denen sie gerne an ihrer Situation die Schuld geben. Warum sollen Abnehmer und Konsumenten mehr zahlen, wenn sie die gleiche Qualität woanders billiger kriegen. Die Bauern handeln doch auch Tag für Tag nicht anders - beim Einkauf von Maschinen, von Futtermitteln, im Supermarkt, im Kleidergeschäft.

Dass die Bauern eigentlich privilegiert sind, vergessen sie zumeist gerne. Sie haben, was sonst niemand in unserer Gesellschaft hat - ein Polster, gefüllt mit Ausgleichszahlungen, die Sicherheit geben. Auch wenn's in Feld und Stall nicht so läuft. Diese Zahlungen sollen hier nicht angezweifelt werden - aber Wirtschaftstreibende wären um Ähnliches froh, unselbstständig Beschäftigte sowieso, und auch viele Standeskollegen in anderen Ländern.

Österreichs Bauern sind da anders. Sie reden einfach nicht davon. Hauptsache, so zuweilen der Eindruck, man kann über die Preise klagen.

Da stellt sich einer ins Fernsehen und gibt den benachteiligten Milchbauern - und dann stellt sich heraus, dass der gute Mann pro Hektar und Jahr so viel an Prämien bekommt wie ein normaler Arbeiter für einen halben Monat Arbeit - nämlich 900 Euro. Und da meinen selbst Bauern über die Agrarpolitik schimpfen zu müssen, die genug Geld aus Wien, Brüssel und vom Land bekommen, um auch noch ihren Frauen ein Auto hinzustellen - jedes Jahr.

Alles ganz selbstverständlich - selbstverständlich. Der Beobachter reibt sich verwundert die Augen.

Warum nur, fragt man sich dann, warum nur betreiben viele aus dem Chor der Klagenden immer noch Landwirtschaft, vor allem jene, die durchaus auch andere Möglichkeiten hätten?

Im Englischen heißt es "Love it, change it, or leave it" - mag es, ändere es oder lass es sein.

Viele Bauern scheinen damit nichts anfangen zu können. Weder mit Ersterem noch mit Zweiterem - und schon gar nicht mit Letzterem. Dabei wäre das auch eine Alternative, eine sehr unternehmerische Entscheidung sogar. Aber dann müsste man auf eigenen Füßen stehen und hätte möglicherweise nichts mehr zum Jammern.

Blick ins Land" Nr. 08/09 vom 07.08.2009

Donnerstag, 23. Juli 2009

Einstiegsstopp bei Biobauern






Nur mehr bis zum Herbst kann man Biobauer werden. Dann erst wieder 2014. Das kommt der Branche nicht ungelegen.

HANS GMEINER Salzburg (SN ). In manchen Bauernstuben glühen derzeit die Rechenstifte. Es geht um den Umstieg auf Biolandwirtschaft. Die Entscheidung muss Anfang Herbst fallen. Denn ab 2010 gibt es faktisch für vier Jahre einen Einstiegsstopp, weil das Förderprogramm für den Biolandbau 2013 endet und davor eine Mindesteilnahmezeit verlangt. Erst ab 2014, mit Beginn der neuen EU-Finanzperiode, wird es wieder möglich sein, Biobauer zu werden und dafür auch Förderungen zu bekommen.
Für Alois Posch, Bioexperte im Landwirtschaftsministerium, ist das angesichts der Absatzprobleme der Landwirtschaft, die auch vor den Biobauern nicht halt machen, kein Grund zur Aufregung. „Das passt gar nicht so schlecht zusammen, weil wir ohnehin darauf achten wollen, dass Angebot und Nachfrage zusammenstimmen“, sagt er im Gespräch mit den SN.
Damit haben die Verantwortlichen in der Biolandwirtschaft derzeit ohnehin genug zu tun. „Es gibt keine Abwärtsentwicklung, aber der Markt stagniert“, sagt Posch. Das Biowunder Österreich ist damit vorerst ins Stocken geraten. „Die allgemeinen Probleme der Landwirtschaft gehen auch an Bio nicht vorbei“, sagt der Experte des Ministeriums.
Dennoch ist Österreich in Sachen Bio nach wie vor die Nummer Eins in Europa. Zwischen 1998 und 2008 wuchs die Biofläche von 290.000 auf 383.000 Hektar. Das sind 16 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche, so viel wie nirgendwo sonst in Europa.
Die Zahl der Biobetriebe hingegen pendelt seit zehn Jahren rund um 20.000. Vor allem viele Tierhalter im Westen Österreichs sind wegen der strengen Vorschriften wieder ausgestiegen. Im Osten hingegen kamen viele Getreidebauern neu dazu.
Hinter dem Biowunder steht eine gezielte Förderung. 88,5 Millionen Euro erhalten die Bauern zusätzlich zu den allgemeinen Agrarunterstützungen allein an Bioförderungen, 139 Millionen insgesamt aus den Umweltprogrammen. An knapp 15 Prozent der Bauern fließen damit 26 Prozent der Umweltmittel, die in die Landwirtschaft gehen.
Der „Grüne Bericht“ weist für Biobauern regelmäßig bessere Einkommen als für vergleichbare konventionelle Betriebe aus, dennoch ist die Entscheidung zum Umstieg für die Bauern nicht einfach. Sie verlangt immer noch eine große Portion Pioniergeist. Die Preise, die in den vergangenen Jahren den Umstieg auf Bio für viele Bauern zu einer zukunftsträchtigen Alternative machten, sind unter Druck. Und vor allem die Bauern in Westösterreich, die Biofuttermittel zukaufen müssen, klagen über zu hohe Kosten. „Wir müssen das Biowunder in Ostösterreich, wo sich die Ackerflächen zwischen 2001 und 2008 auf 157.000 Hektar verdoppelten, zahlen“, ist ein Satz, der immer noch zu hören ist.
Bio-Austria, so der Vorwurf, der immer wieder mitschwingt, habe den Markt über die Agentur für Biogetreide fest im Griff. Vielen Bio-Austria-Bauern stößt das sauer auf. Ihre Kritik: Mit einem auf die Agenturmiteigentümer aus der Futtermittelindustrie, wie den Salzburger Raiffeisenverband, maßgeschneiderten Standard würden selbst billigere österreichische Anbieter von Futtermitteln vom Markt ferngehalten.
Der raue Wind ist bei den Biobauern in den vergangenen Jahren üblich geworden. Werner Lampert überließ in Niederösterreich 270 Biobauern, die für die Hofer-Eigenmarke „Zurück zum Urspung“ Milch lieferten, ihrem Schicksal und wechselte nach Tirol. Dort wurden, mangels Alternative nicht immer ganz freiwillig, Dutzende konventionelle Bauern im Schnellverfahren zu Biolieferanten gemacht.
Sie sind nun ein Teil jener 1000 Biobauern, die heuer die Statistik als neue Biobauern auffetten werden und die vor zwei Jahren vom damaligen Landwirtschaftsminister Josef Pröll gestartete Biooffensive doch noch zu einem Erfolg machen sollen. Das Ziel, den Bioflächenanteil auf 20 Prozent zu steigern, hat man indes fallen lassen müssen. „18 Prozent sind wahrscheinlich“, sagt Posch.
Wirtschaft / 23.07.2009 / Print

Weniger Bauern? Vorstoß in eine Tabuzone





"Raiffeisenzeitung" Nr. 30+31/09 vom 23.07.2009

Das Zerren auf dem Milchmarkt legt das Dilemma der Agrarpolitik und der Bauern bloß. Da soll für eine Milchprämie reichlich Geld fließen, die nichts anderes tut, als dafür zu sorgen, dass die Bauern weiterhin zuviel produzieren können. Nicht anders ist es bei den Millionen für die Exportförderungen und bei den Einlagerungsaktionen, mit denen Brüssel die Lage auf dem Milchmarkt unter Kontrolle bringen will und alle den anderen Maßnahmen, die angekündigt und diskutiert werden.
Der Erfolg ist mehr als bescheiden. Die Preise rauschen unbeeindruckt nach unten. Nicht die Bauern liegen falsch, nein der Markt ist es, meint man vielerorts in der Verzweiflung allen Ernstes. All diese Bemühungen sind nicht nur Manifestation der Hilflosigkeit. Sie sind auch – und das vor allem – Manifestationen der Ideenlosigkeit und vor allem des politischen Kleinkrämertums und der politischen Feigheit.
Bei Milch ist es so. Aber bei Getreide, bei Fleisch und in vielen anderen Produktionssparten ist es kaum anders.
Viele Bauern leiden und verzagen. Die Wirtschaftskrise drückt, die Märkte sind schlecht und Brüssel will schon bald die Agrargelder kürzen. In dieser Situation drängt sich die Frage auf, ob jetzt nicht die Zeit für einen großen Schnitt wäre. Für einen Schnitt, der die österreichische Landwirtschaft, die in vielen Bereichen an ihrer Kleinstrukturiertheit leidet, auf ein Niveau hebt, der sie in die Lage versetzt, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Für einen Befreiungsschlag, der die heimische Landwirtschaft stark genug macht, mit den Anforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte zurechtzukommen, der sie unabhängiger macht von öffentlichen Geldern, von politischen Konstellationen und politischen Veränderungen. Für einen Schnitt, der den Bauern wieder Kraft gibt.
Denn die haben sie derzeit oft nicht. Trotz aller Hilfen und Ausgleichszahlungen. Wie denn auch? Ein durchschnittlicher Betrieb hat kaum 20 Hektar als Wirtschaftsbasis, mit durchschnittlich zehn Kühen oder 80 Schweinen im Stall gehört er zu den Schlusslichtern in Europa. In der Milchwirtschaft, im Ackerbau, in der Schweinehaltung und in vielen anderen Sparten.Viele der Bauern leiden unter dieser Situation. Die Sorgen um die Zukunft drücken und nicht selten die Probleme mit der Hofnachfolge. Sie wissen nicht, wie sie damit zurechtkommen sollen, wenn sie hören, wie in aller Welt der Trend zu größeren Betriebseinheiten geht, wie von allen Seiten gefordert wird, dass sie noch günstiger produzieren sollen, wie sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Preise unkalkulierbar rauf- und runtersausen und dass sie um die Fördermittel bangen müssen.
„Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel“ sagt man da wohl. Viele würden lieber heute als morgen aufhören, wenn sie sich’s denn nur leisten könntenDarum wäre es an der Zeit, dass die Agrarpolitik endlich über ihren Schatten springt und über ein Tabu redet – über eine Verringerung der Zahl der Bauern.Was wäre, wenn man, so die ketzerische Frage, nicht wie bisher alles daran setzt, möglichst alle Bauern weiter in der Produktion zu halten? Was wäre, wenn man mit einem Teil der Agrar-Millionen all jenen Bauern, die aus der Landwirtschaft aussteigen wollen, ein Angebot macht? Eine Abschlagszahlung auf die Hand und dafür steigen sie aus der Produktion aus, geben Kontingente zurück, räumen die Ställe aus, verpachten den Grund.
„Ein unmoralisches Angebot“ wird wohl mancher aufschreien. Aber, was spricht wirklich dagegen? Die frei werdenden Flächen und Kapazitäten würden anderen Bauern helfen, sich für die Zukunft stark genug aufzustellen. Sie könnten günstiger produzieren, ihre Maschinen besser ausnutzen, die Kosten senken. Und die Aussteiger hätten Startkapital, um außerhalb der Landwirtschaft eine neue Existenz aufzubauen.
Es gibt genug Bauern, die lieber heute als morgen die Stalltür für immer zumachen und den Pflug abstellen möchten, denen die Doppelbelastung im Nebenerwerb längst zuviel ist, die keine Perspektive für ihren Betriebe sehen und trotzdem weitermachen (müssen).Ist es da nicht, um bei der Moral zu bleiben, noch unmoralischer, solchen Bauern keine Wahlmöglichkeit anzubieten und sie statt dessen so lange werken zu lassen, bis sie wirklich nicht mehr können und ohne Perspektive aufgeben müssen?
Das Thema ist heikel, keine Frage. Aber das darf kein Grund sein, es nicht zu diskutieren. Bisher fehlte der Mut dazu.Zu verdenken ist das den Verantwortlichen freilich nicht. Denn ein Agrarpolitiker, der sagt, „wir brauchen weniger Bauern,“ hat nach gängiger Sicht der Dinge seine Daseinsberechtigung verloren. Ganz abgesehen davon, dass er für jeden politischen Gegner ein gefundenes Fressen ist.
Sofort werden Totschlagargumente in Stellung gebracht. Die Menschen, die im Stich gelassen werden, die Landschaft, die niemand pflegt, das Tal, das zuwächst, die Almen, die verwaisen.
Dabei müssen sie allesamt nicht zutreffen. Es muss ja nicht gleich das Kind mit dem Bad ausgeschüttet werden. Die Landschaften können dennoch schön und offen und die Menschen in den Regionen gehalten werden, Almen müssen nicht automatisch verwildern und Täler zuwachsen.
Was jetzt passiert, ist eigentlich schlimmer, denn jetzt wird dieser Prozess völlig ungesteuert sich selbst überlassen. Dabei wird oft nichts als Geld verschwendet, Unmut provoziert und Leid produziert.Die Entwicklung der Agrarmärkte verlangt zuerst einmal mutiges Denken und dann mutige Schritte.Von beidem ist in Österreich wenig zu spüren. Wenn diskutiert wird, dann wie eh und je über Förderungen und deren Gestaltung, kaum aber darüber, wie man der Landwirtschaft und den Bauern langfristig Stärke geben kann. Genau dafür aber ist es hoch an der Zeit. Wegen der Entwicklungen auf den Märkten und wegen der Entwicklungen auf den politischen Parketten dieser Welt.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Bio ganz konventionell





Der Bioboom ist für die Bauern zwar immer noch eine Erfolgsstory, dass er ins Stocken geraten ist, ist aber nicht mehr zu übersehen. Die Krise zeigt der Biolandwirtschaft die Grenzen auf. Wo der Preisabstand zu konventionellen Produkten zu groß wird, geht der Konsum sofort zurück. Erst recht in schlechten Zeiten.
Nicht nur das ist ein Zeichen dafür, dass die Biolandwirtschaft in Österreich den Plafond erreicht hat - trotz hoher Extraförderungen zusätzlich zu den Mitteln, die alle Bauern bekommen. Vor zwei Jahren wurde eine Biooffensive gestartet, weil die Nachfrage nach Bioprodukten in den Himmel zu wachsen schien. Heute ist man froh, dass die damaligen Ziele nicht erreicht wurden. Die Zahl der Bauern und die Fläche nahm kaum zu.
Die Konsolidierung kann nur guttun. Rundherum haben die Mitbewerber nicht nur in Europa aufgeholt. Bio ist längst nicht mehr allein die Sache kleiner Bauern, sondern Big Business. Und die Probleme auf den Bioagrarmärkten werden denjenigen auf den konventionellen Märkten immer ähnlicher: Preisdruck und Überschüsse. Der Ruf nach Schutz vor Importen und höheren Förderungen ist nicht mehr zu überhören.
Die Biobauern und ihre Vertretung müssen nun beweisen, dass sie mit den neuen Herausforderungen zurechtkommen. Die Voraussetzungen dafür sind freilich besser als bei ihren konventionell erzeugenden Kollegen. Denn dem Biolandbau werden nach wie vor gute Aussichten bescheinigt.

Von Hans Gmeiner am 22. Jul 2009 in Wirtschaft

Samstag, 18. Juli 2009

Der eigene Herd ist wieder Goldes wert






Die Krise verändert die Konsumgewohnheiten. Man kocht daheim. Fleisch gewinnt, Milch und Bio verlieren.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Drei Mal pro Jahr lässt die AMA-Marketing das Konsumverhalten der Österreicher analysieren. Selten war die Überraschung so groß wie diesmal. „Die Krise hat das Einkaufsverhalten bei Lebensmitteln definitiv verändert“, sagt Hermine Hackl, Sprecherin der AMA-Marketing. Immer mehr Menschen kehren zum eigenen Herd zurück. Je kleiner der finanzielle Spielraum ist, desto größer ist die Tendenz, Grundnahrungsmittel zu kaufen und das Essen wieder selbst zuzubereiten. „Viele Leute können oder wollen es sich nicht mehr leisten, auswärts zu essen“, sagt Hackl. „Bevor man 50 oder mehr Euro für ein Essen im Restaurant ausgibt, kauft man sich lieber ein besseres Stück Fleisch und brät es daheim.“ Die Folge: Der Verkauf von Fleisch im Handel und in Metzgereien legt seit Monaten kräftig zu. Von Produkten, die man fürs Backen braucht, ist Ähnliches zu hören.
„Cocooning“ sagen die Trendforscher zu diesem Rückzug in die eigenen vier Wände, der auch zur starken Nachfrage bei Bau- und Gartenmärkten passt. „Bevor sie verzichten, machen sich die Leute lieber etwas selbst“, sagt Hackl.
Bei Fleisch schlägt sich dieser Trend nun auch in der Statistik nieder. Laut RollAMA verkauften Supermärkte und Metzger heuer in den ersten vier Monaten um 5,6 Prozent mehr Fleisch als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Zu besonderen Verkaufshits wurden Rind- und Kalbfleisch (plus zehn Prozent) und vorbereitete Fleischteile. Der Absatz in diesem Segment legte mengenmäßig gleich um gut 16 Prozent zu.
Insgesamt treten die Österreicher beim Lebensmitteleinkauf freilich kürzer. In den meisten Sparten liegen die verkauften Mengen unter den Werten des vergleichbaren Vorjahreszeitraumes. Der Absatz von Milch, Topfen und Joghurt ging um drei Prozent zurück, bei Milchmixgetränken gab es ein Minus von 5,7 Prozent. Nur bei Käse gab es einen leichten Zuwachs. Markante Rückgänge gab es auch bei Frischobst und Frischgemüse.
Zu den Verlierern zählt in manchen Sparten auch Bio. Der Absatz von Biomilch sackte binnen Jahresfrist um 23 Prozent ab, auch bei Butter, Fleisch, Gemüse und Kartoffeln gab es ein Minus.
Im Handel kann man mit der Entwicklung leben. „Wir sind von der Krise nicht so stark tangiert wie andere Bereiche“, betont Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. „Die Leute greifen verstärkt auf Produkte im Preiseinstiegsbereich“, sagt Rewe-Sprecherin Corinna Tinkler. Aktionen und Eigenmarken gewannen im Lebensmittelhandel in den vergangenen Monaten weiter an Bedeutung. „Unsere S-Budget-Linie geht supergut“, sagt Berkmann. Ähnliche Erfahrungen hat man bei Rewe gemacht, wo sich bei Grundnahrungsmitteln die verkauften Mengen der Rewe-Eigenmarke „clever“ teilweise sogar verdoppelt haben.
Die Landwirtschaft kommt mit den neuen Entwicklungen schwerer zurecht. Bei Fleisch hofft man weiter auf Rückenwind und darauf, dass sich die Nachfrage auch in höheren Preisen niederschlägt. „Wenn mehr daheim gekocht wird, profitieren die heimischen Bauern“, sagt Hermine Hackl. „Im Handel und bei den Fleischern liegt der Anteil von heimischem Fleisch bei 90 Prozent, in der Gastronomie hingegen nur bei geschätzten 50 Prozent.“
Die Milchbauern hingegen stehen der neuen Entwicklung immer noch hilflos gegenüber. Trotz des schrumpfenden Marktes lag die Produktion in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 2,1 Prozent höher als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Während die Milchbauern im Osten Österreichs ihre Produktion einschränkten, weiteten die Bauern in den westlichen Bundesländern die Milcherzeugung weiter aus. An der Spitze dabei ist Salzburg mit plus 1,2 Prozent.
„Die Bauern müssen reagieren“, fordert daher Adolf Marktsteiner von der Landwirtschaftskammer Österreich mit Nachdruck. Er erwartet, dass der kürzlich beschlossene schärfere Kurs gegen Bauern, die ihre Quoten überliefern, bald Früchte trägt. „Wer mehr als sechs bis zehn Prozent seiner Richtmenge überliefert, muss rückwirkend ab 1. April bis zu 19 Cent pro Kilogramm Preisabschlag in Kauf nehmen.“ Bei den 25 bis 30 Cent, die derzeit gezahlt werden, bleibt dann nicht mehr viel. Marksteiner: „Damit ist Überliefern uninteressant.“
Wirtschaft / 18.07.2009 / Print

Samstag, 4. Juli 2009

Magerkost für die Bauern





Die Landwirtschaft muss ab 2014 um Fördergelder bangen. Viele Bauern im Flachgau könnte es besonders erwischen.

HANS GMEINER Wien (SN). Die Bauern haben sich gerade an die letzte Agrarreform gewöhnt, und schon kommen die Vorbereitungen für die nächste Reform, die 2014 ansteht, wegen der langen Vorlaufzeiten in den EU-Gremien in die heiße Phase. Schon jetzt ist klar: Es wird es in Zukunft eher Magerkost geben.
„Die Bauern müssen sich darauf einstellen, dass es in der nächsten Budgetperiode weniger Geld aus Brüssel geben wird“, sagte Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich Freitag in Wien. „Ich will keine Illusionen machen, viele EU-Finanzminister sehen den Agrartopf als Sparschwein, um ihre Haushalte zu sanieren.“
Derzeit gibt die EU für die Landwirtschaft und ländliche Entwicklung insgesamt 51 Mrd. Euro jährlich (1,85 Mrd. für Österreich) aus. Das sind zwar 45 Prozent des EU-Budgets, aber nur ein Prozent aller Ausgaben der öffentlichen Haushalte in Europa.
Das Gezerre um Agrargelder ist bereits an mehreren Fronten im Gang. Staaten wie Schweden, Dänemark und Großbritannien treten für eine Kürzung der direkten Förderung aus der sogenannten ersten Säule der Agrarpolitik und für eine Umschichtung hin zu Mitteln für die ländliche Entwicklung, der zweiten Säule, ein. Die neuen Mitgliedsländer aus Osteuropa wollen nicht länger hinnehmen, dass Bauern in Ländern wie Frankreich oder Österreich bis zu 280 Euro pro Hektar aus den Brüsseler Töpfen bekommen, die Bauern in Ungarn und den anderen Ländern aber nur 85 Euro und noch weniger.
In Diskussion steht auch die Definition von benachteiligten Gebieten, für die es Sonderförderungen gibt. Während die Förderungen für die Bergbauern wenn schon nicht in der Höhe, so zumindest in der Sache selbst, außer Diskussion stehen dürfte, könnte es für Bauern in Randzonen wie dem Salzburger Flachgau zu Überraschungen kommen. Sie könnten aus der „Förderkulisse“, wie das im Agrardeutsch heißt, herausfallen und die Sonderförderungen verlieren.
Berlakovich strebt bei den Verhandlungen eine behutsame Weiterentwicklung des derzeitigen Agrarsystems an. „Die Bauern brauchen Ausgleichszahlungen“, sagt er. Allerdings sollen Themen wie Biodiversität, Klimaschutz, Versorgungssicherheit oder die Leistungen für den Tourismus eine größere Rolle spielen.
Wirtschaft / 04.07.2009 / Print

Donnerstag, 25. Juni 2009

„Testballon“ gegen Preiskrise





HANS GMEINER Neusiedl/See (SN). Der Landwirtschaft machen die Preissprünge bei Milch, Fleisch und Getreide seit zwei Jahren große Probleme. Die Getreidepreise zum Beispiel verdoppelten sich vor zwei Jahren innerhalb weniger Monate auf knapp 300 Euro pro Tonne, heuer liegen sie unmittelbar vor der Ernte wieder bei 140 Euro. In den nächsten Wochen, wenn in ganz Europa und in Nordamerika die Felder abgeerntet werden, müssen die österreichischen Bauern mit noch niedrigeren Preisen rechnen. Und das, obwohl in Österreich eine deutlich geringere Ernte als im Vorjahr und weltweit eher steigende Preise vorhergesagt werden.
Der Grund dafür: Vor allem auf dem für Österreich maßgeblichen osteuropäischen Markt liegen noch große Mengen Getreide aus dem Vorjahr in den Silos. Allein in Ungarn sollen es jeweils rund eine Million Tonnen Weizen und Mais sein. Aber auch in Österreich selbst sind die Getreidelager mit gut 700.000 Tonnen viel besser gefüllt als in den vergangenen Jahren. „Ein Teil davon ist bereits verkauft und bezahlt, aber die Aufkäufer haben wegen der Wirtschaftskrise derzeit keine Verwendung dafür“, sagt Ernst Gauhs von der Raiffeisen Ware Austria.
Nun fordern die Bauern für Getreide die Einrichtung eines Krisenlagers, um Marktspitzen ausgleichen zu können. Weil die EU ihre bisherigen Überschusslager sukzessive schließen will, nehmen sie in ihrer Argumentation eine Anleihe bei der NATO. „Dort sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, neben Vorsorgelagern für Öl und Gas auch Getreidekrisenlager zu halten“, sagte am Mittwoch der Präsident der Agrarmarkt Austria und Chef der burgenländischen Bauernkammer, Franz Stefan Hautzinger.
In Österreich sollen 150.000 Tonnen Getreide in ein solches Lager kommen, fordern Hautzinger und Gerhard Wlodkowski von der Landwirtschaftskammer Österreich. „Das wäre ein Puffer, um die Bocksprünge bei den Preisen zu verringern und würde nicht nur den Bauern, sondern auch den Konsumenten Sicherheit geben“, meinten sie. „Damit könnte man zumindest die äußersten Preisspitzen kappen.“
Die Kosten für das eingelagerte Getreide werden mit 15 Mill. Euro beziffert. Dazu kämen jährlich drei Mill. Euro für die Lagerung und allfällige Verwaltungskosten. Die Mittel dafür sollen von der EU kommen. In den nächsten Wochen soll ein detaillierter Vorschlag folgen. Hautzinger: „Noch ist es ein Testballon.“

Wirtschaft / 25.06.2009 / Print

Donnerstag, 18. Juni 2009

Lücken in der Kennzeichnung






Gütesiegel in allen Größen, Herkunftszeichen sonder Zahl, allerlei Stempel auf Milch- und Käsepackerl und Fleischstücken - und dann das. Der Käse auf der Pizza schaut nur so aus, als wäre er Käse und ist gar keiner. Auch nicht der auf dem Jausenweckerl und der auf dem Stangerl, das man abends beim Fernsehen knabbert.
Kunstkäse ist vor allem ein Thema der Lebensmittelkennzeichnung. Zwischen all den Kontrollen und Vorschriften, mit denen Landwirtschaft, Hersteller und Handel seit Jahren regelrecht drangsaliert werden, gibt es noch große Lücken.

Vor allem in der Gastronomie, in den Großküchen, aber auch bei Tiefkühlgerichten, Backwaren und Ähnlichem liegt vieles im Argen. Was einem da wirklich aufgetischt wird, weiß kaum einer von uns - es sei denn, er ist Lebensmitteltechnologe und kann mit all dem klein gedruckten Fachchinesisch auf Verpackungen etwas anfangen. Das ist untragbar, zumal wir als Konsumenten sehr oft - siehe Kunstkäse - ohne mit der Wimper zu zucken hinters Licht geführt werden.

Kunstkäse ist nicht schlecht, aber wenn schon, dann wollen wir uns selbst dafür entscheiden. Darum braucht es rasch klar verständliche Kennzeichnungen, auf die sich die Konsumenten verlassen können. Nicht nur für Kunstkäse.

Von Hans Gmeiner am 18. Jun 2009 um 15:30 in Wirtschaft

Kunstkäse erregt die Gemüter





Kunstkäse ist auch für heimische Molkereien ein Thema. Alpenmilch-Haupteigentümer Meggle zählt zu den großen Erzeugern.

HANS GMEINER Salzburg (SN). „Pizza-Mix“ oder „Gastromix“ steht auf den Verpackungen. Drinnen befindet sich etwas, das ausschaut wie geriebener Edamer oder Mozzarella, aber damit nichts zu tun hat. Es handelt sich um Kunstkäse, der aus pflanzlichen Fetten, Stärke, Geschmacksverstärkern und Aromen zusammengemixt wird. Seit Wochen sorgen diese Produkte, die vor allem in der Gastronomie eingesetzt werden, für Schlagzeilen. Die Bauern sind darob regelrecht aus dem Häuschen. Sie halten „Analogkäse“ wie die Produkte von Lebensmitteltechnologen genannt werden, für einen der wichtigsten Gründe für die derzeitigen Probleme auf dem Milchmarkt.
Nun stellt sich heraus, dass auch den heimischen Molkereien die Erzeugung von Kunstkäse nicht fremd ist. „Wer Schmelzkäse machen kann, kann grundsätzlich auch Kunstkäse erzeugen“, weiß man in der Milchwirtschaft.
In Vorarlberg geriet unlängst Alma mit einem Pizzakäse in die Schlagzeilen, der alles enthielt, nur keine Milch. Alma gehört zwar seit dem Vorjahr der Privatkäserei Rupp, doch schon Jahre davor stieg die damals noch rein bäuerliche Genossenschaft in die Produktion von Kunstkäse ein.
Auch bei der Salzburger Alpenmilch ist das Thema auf dem Tisch, obwohl sie selbst keinen Analogkäse erzeugt. Aber der Alpenmilch-Haupteigentümer Meggle, ein bayerischer Milchkonzern, zählt im deutschen Sprachraum mit einer jährlichen Produktion von 6000 bis 10.000 Tonnen Kunstkäse zu den großen Spielern auf dem Markt. „In intensiver Zusammenarbeit mit unseren Kunden werden Compounds zur Herstellung von Käsesubstituten entwickelt“, heißt es auf der Meggle-Hompage. „Verschiedenste Käsesorten, ob schnittfähig, streichfähig oder Pizzakäse können somit günstiger als Naturkäse hergestellt werden.“ Meggle-Sprecher Heinz Brüller findet nichts Besonderes dabei. „Wir stehen dazu“, sagt er im Gespräch mit den SN. „Das ist wegen der Haltbarkeit, den Backeigenschaften und der Qualität eine optimale Geschichte.“ Meggle deklariere die Produkte richtig, hält Brüller fest. „Ob das auch die Weiterverarbeiter tun, da bin ich mir nicht so sicher.“
Die negativen Schlagzeilen rund um Analogkäse sind für den Meggle-Sprecher nicht nachvollziehbar. „Bei Kunstkäse geht es vor allem darum, Milchfett durch Pflanzenfett zu ersetzen.“ Das sei ein ganz normaler Vorgang, sagt er. „Bei Margarine kommt ja auch niemand darauf, sie Analogbutter zu nennen.“
Brüller zeigt sich angesichts des Wirbels verwundert. „Mit unseren Mengen tun wir den Bauern nicht weh“, sagt er. „In den USA gibt es diese Produkte seit 20 Jahren.“
Die Aufregung in der Bauernschaft hält Brüller daher für überzogen und trifft sich dabei mit Einschätzungen aus der heimischen Milchwirtschaft. „Man sucht einen Strohhalm“, heißt es dort. „Die 10.000 Tonnen Analogkäse, die angeblich in Österreich verkauft werden, sind zwar viel, aber bei einer Gesamtmenge von 150.000 Tonnen Käse nicht kriegsentscheidend.“
Schon gar nicht bei den derzeitigen Preisen. Die bringen nämlich Analogkäse noch mehr unter Druck als echten Käse. Der Preisvorteil, der bei hohen Milchpreisen 40 Prozent und mehr ausmachte, ist derzeit so gut wie weggeschmolzen. Das bestätigt Meggle-Sprecher Brüller: „Der Absatz geht derzeit eher zurück“.
Wirtschaft / 18.06.2009 18.06.2009 / Print

Freitag, 12. Juni 2009

Agrarpolitik für die Galerie




Die Kicker auf dem Fußballfeld grätschen mit großer Geste nach dem Ball, auch wenn sie keine Chance haben, ihn zu erwischen. Haben sie ihn dann doch einmal, steigen sie lieber einmal drüber, als ihn weiterzuspielen. Und im Straf raum setzen sie schon theatralisch zur Schwalbe an, wenn ihnen ein Verteidiger der gegnerischen Mannschaft auch nur nahekommt.

"Die spielen ja nur für die Galerie", sagt man dann. Wenig mannschaftsdienlich, wenig effizient, kaum zielorientiert. Nicht der Torerfolg zählt, sondern die große Geste.

Verzeihen Sie diesen Ausflug in die Welt des Sports. Aber dem Beobachter der Aktivitäten der heimischen Agrarpolitiker drängt sich schon seit geraumer Zeit dieser Vergleich auf. Die Beispiele häuften sich in den vergangenen Monaten.

Da "begrüßt" ständig irgendein schwarzer Agrarpolitiker wortreich, was der andere "Schwarze" macht. Da erklären die "Jungbauern" ihre Teilnahme an einem Marathonlauf zu einem "Zeichen für dynamische Politik". Da will der rote Agrarsprecher, der noch vor kurzem über hohe Konsumentenmilchpreise schimpfte, auf einmal "faire Preise" für die Bauern. Da poltert die IG-Milch fernsehgerecht über Verschwörungen, da gibt der BZÖ-Agrarsprecher vor, mit einem "scharfen Protest" bei Aldi in Deutschland wegen einer Preissenkung bei Milchprodukten Politik zu machen - potzblitz, da werden die aber zusammengezuckt sein.

Absichtserklärungen werden zu Erfolgen hochgeschrieben und Demonstrationen organisiert, um die Bauern bei der Stange zu halten. Da werden Gipfel einberufen und Konzepte angekündigt. Und da melden sich plötzlich Leute zu agrarpolitischen Themen wie Milch zu Wort, die keine Kuh von einem Stier unterscheiden können. Dazu die vielen Aufforderungen an die Konsumenten, österreichisch zu kaufen, jede Menge "No na"- Schlag zeilen wie "Unsere Milch verdient einen ordentlichen Preis" und viele andere Flachheiten mehr. Hier eine Aussendung, da noch ein paar Worte oder dort eine Schimpftirade. Sprechblasen allenthalben. Und das alles soll Politik sein?

Man kennt die Grillitschs, Wlodkowkis, Grünzweils, Gaßners, Pirklhubers, Jannachs und Hubers und wie sie alle heißen. Und auch der Minister versteht sich schon gut auf dieses Geschäft. Sie geben vor, Politik zu machen, und dabei geht es ihnen allzu oft doch nur um die Beruhigung der eigenen Wählerschaft, um politisches Kleingeld oder schlicht um die eigene Profilierung und um die Selbstdarstellung in den Medien.

Man mag es ihnen gar nicht verdenken, denn für alles finden sich Bauern, die dazu klatschen, sich an all das klammern, sich falschen Hoffnungen hingeben und zu Schlüssen verleiten lassen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.

Dabei ist die meist, das müssen gerade die Milchbauern in diesen Wochen erkennen, ganz anders. Allem Getöse zum Trotz fällt der Milchpreis seit langem. Österreich ist, auch wenn manche so tun, keine Insel und die heimische Landwirtschaft ist nicht der Nabel der Welt. Die Musik spielt woanders.

Das wissen die Verantwortlichen jedweder Provenienz zumeist ganz genau.

Zumeist - denn nicht immer sind es Kalkül, Hilflosigkeit oder gar Bosheit, die das Handeln leiten. Oft ist es einfach das schlichte Gemüt oder das Fehlen von Ideen. Diese Leute freilich sind für die Bauernschaft noch gefährlicher, weil sie all die Spiele für die Galerie wirklich für Politik halten - derzeit gerade für die Milchbauern, morgen schon wieder für andere.

Blick ins Land" Nr. 06-07/09 vom 12.06.2009

Auf zwei Beinen steht man besser





Hohe Konsumentenpreise, weltweite Sorge um die Ernährungssicherung, Welthunger - und die heimische Landwirtschaft will noch mehr Rohstoffe für die Industrie erzeugen, statt die Erzeugung von Nahrungsmitteln zu forcieren? Mais nicht nur für Sprit, sondern auch für Fliesenkleber? Wiesengras nicht für die Kühe, sondern für Kosmetika?

Was angesichts der Diskussionen über teure Lebensmittel und angespannte Versorgungslage im Vorjahr verwundern mag, macht dennoch Sinn. Denn von den Diskussionen können, das beweist gerade die dramatische Situation bei Milch, die Bauern nicht leben. Zwischen der Welt der politischen Forderungen und der Prognosen und der Realität, wie sie auf den Höfen empfunden wird, klaffen Welten.
Milch will derzeit niemand, die Nachfrage nach Fleisch ist auch nicht überbordend. Und Getreide gibt es ebenfalls wieder genug. Überall könnten die Preise weit besser sein. Ja, sie müssten weit besser sein, damit die Bauern ein gutes Auskommen hätten.
Darum ist es nur logisch, dass sie ihre wirtschaftliche Basis ausbauen, nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Energie und nachwachsende Rohstoffe für die Industrie erzeugen. Das gibt Sicherheit in ihrem Umfeld, das einem enormen internationalen Druck ausgesetzt ist, das zunehmend von Spekulanten bestimmt wird und in dem man nicht auf Knopfdruck reagieren und die Produktion einfach zurückfahren kann.
Es ist wie immer: Auf zwei Beinen steht man besser als auf einem. Und mit zwei Beinen sind die Bauern immer schon im Leben gestanden.

Von Hans Gmeiner am 12. Jun 2009 um 10:30 in Wirtschaft

Saftige Wiesen für Lösungsmittel





Industrierohstoffe aus Gras, Mais und Obstkernen – die Landwirtschaft ist bei der Suche nach Marktchancen sehr findig.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Es war der Tag des Horst Steinmüller. „15 Jahre ist es her, als wir das erste Mal darüber redeten“, sagte der Linzer Wissenschafter, als sich kürzlich Vertreter aus Politik und Wirtschaft bei der Eröffnung der ersten Bio-Raffinerie im oberösterreichischen Utzenaich drängten. In Containern auf dem Gelände der dortigen Biogasanlage bekommt der Ausdruck „saftige Wiesen“ eine ganz neue Bedeutung. „Aus dem Silagesaft von Wiesengras gewinnen wir Milchsäure und Aminosäure“, erklärte Steinmüller. Gebraucht werden diese Produkte nicht nur in der Lebensmittelerzeugung. Die Chemieindustrie etwa setzt sie für die Erzeugung von Desinfektions-, Reinigungs- und Lösungsmitteln, die Metallindustrie für den Korrosionsschutz ein. Auch die Kosmetikerzeuger wissen die Stoffe zu schätzen. Sie verwenden sie als Stabilisatoren und Emulgatoren in ihren Produkten.
In der 3,2 Millionen Euro teuren Pilotanlage in Utzenaich werden derzeit pro Stunde aus einer Tonne Grassilage 400 Liter Saft gepresst. „Daraus gewinnen wir jeweils zehn Kilogramm Amino- und Milchsäure“, sagt Steinmüller. „Mit den Kosten liegen wir deutlich unter den Marktpreisen.“„Gras wird wertvoll“ Wenn das so bleibt, könnten die hochtrabenden Erwartungen der Landwirtschaft bald in Erfüllung gehen. Agrarpolitiker wie Oberösterreichs Agrarlandesrat Josef Stockinger kommen schon jetzt ins Schwärmen. In zehn Jahren könnte, so hofft er, der Grünschnitt von 15.000 Hektar Wiesen in zehn Großanlagen nicht nur zu Energie, sondern auch zu Rohstoffen für die Industrie verarbeitet werden. „Gras wird damit wertvoll, das wäre eine echte Hoffnung für die Milchbauern. Sie hätten für das Grünland endlich eine zusätzliche Nutzung außerhalb der Nahrungsmittelkette.“ Die Ackerbauern sind ihnen da voraus. Mehr als zehn Prozent der heimischen Ackerfläche von 1,4 Millionen Hektar werden bereits für die Erzeugung von nachwachsenden Rohstoffen und nicht für die Nahrungsmittelproduktion genutzt.
Allein die Ernte von 60.000 Hektar Mais und Weizen wird in der Agrana-Anlage in Pischelsdorf zu Bioethanol verarbeitet, die Ernte von 10.000 Hektar Raps geht in die Biodiesel-Produktion und von 30.000 bis 40.000 Hektar Mais und anderen Pflanzen wird in Biogasanlagen Wärme und Strom erzeugt.
Immer größere Bedeutung für die heimische Landwirtschaft gewann in den vergangenen Jahren die Produktion von Stärke. In den Werken in Aschach/Donau und Gmünd verarbeitet die Agrana die Ernte von 35.000 Hektar Mais und von 5700 Hektar Kartoffeln.
Längst ist die Lebens- und Futtermittelindustrie nicht mehr der einzige Abnehmer. Ein knappes Drittel der von der Agrana erzeugten Stärkeprodukte geht bereits jetzt als technische Stärke in die Industrie. Sie findet sich in Papier und Wellpappe genauso wie in Fliesenklebern, Spachtelmassen und Putzen oder als Trägermaterial in Tabletten, Pillen oder Dragées. Zusätzliche Nachfrage in den nächsten Jahren erwartet man sich vor allem von Biokunststoffen, für die Stärke ein wichtiger Rohstoff ist.
Neben Agrana stieg im Vorjahr Jungbunzlauer groß in die Verarbeitung von nachwachsenden Rohstoffen ein. Im Werk in Laa an der Thaya will der Konzern jährlich die Ernte von rund 25.000 Hektar Mais zu Zitronensäure nicht nur für die Produktion von Lebensmitteln erzeugen, sondern auch für die Verwendung in Pharmazeutika, Reinigungsmitteln und ähnlichen Produkten. Derzeit läuft die Anlage im Probebetrieb.
Die Landwirtschaft gibt sich damit noch nicht zufrieden. Intensiv wird nach weiteren Absatzmöglichkeiten für Agrarprodukte gesucht. Zu Projekten, wie sie die Forschungsförderungsgesellschaft des Bundes unterstützt, zählen etwa die Erzeugung von Netzgeweben aus Naturgarnen für die Verpackungsindustrie, die Produktion von Kunst- und Schaumstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen oder das „Kernkraftwerk“ der Zukunft – aus Kernen von Kirschen, Marillen und Zwetschken könnten schon bald nicht nur Öl, sondern auch Naturkosmetika oder gar ein Werkstoff für die Industrie gemacht werden.
Wirtschaft / 12.06.2009 / Print
 
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